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Luther in Amerika : Der erste Intellektuelle der Geschichte

Transatlantische Kulturdiplomatie: Ausstellungen in Los Angeles, New York und Minneapolis erklären das Werk des Reformators mit Souvenirs seiner Zeit.

          Vor hundert Jahren kam der Krieg dazwischen. Der vierhundertste Jahrestag von Martin Luthers Thesenanschlag wurde ein halbes Jahr nach der Kriegserklärung der Vereinigten Staaten an das Deutsche Reich begangen. Die lutherischen Gemeinschaften mussten ihre Jubiläumsprogramme ändern. 1883, im Jahr von Luthers vierhundertstem Geburtstag, war er auch in Amerika als großer Deutscher gefeiert worden. Das von Bismarck aus der Taufe gehobene Reich und die durch den Bürgerkrieg konfirmierte Union konnten sich als protestantische Nationalstaaten verbunden fühlen. Im Herbst 1917 hatte sich der amerikanische Luther in den Propheten der antideutschen Sache verwandelt. Präsident Woodrow Wilson erklärte den Sonntag vor dem 31. Oktober 1917 zu einem Tag des Gebets, „damit das Anliegen, für das wir unser Leben geben, gewinnt“. In einer lutherischen Kirche in Minnesota verkündete der Festredner, Luther habe dasselbe Ziel verfolgt wie Wilson: die Welt zum sicheren Ort für die Demokratie zu machen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Lutheraner, die sich im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts in großer Zahl im Norden des Mittleren Westens niedergelassen hatten, verwendeten damals oft noch ihre Muttersprache. Der deutschen Bevölkerung erlaubte es der kalendarische Zufall des Luthergedenkens, die mit der forcierten Amerikanisierung verbundene Selbstverleugnung zu überspielen. Der universalistische Luther, der Vorkämpfer von Revolution und Demokratie, war bis dahin eher eine Figur des säkularen Gedächtnisses gewesen. Nun diente er der konfessionellen Selbstvergewisserung.

          Längst ist Luther als Bürge der deutsch-amerikanischen Seelenfreundschaft in den Vereinigten Staaten wieder erwünschte Person. Im gegenwärtigen Luther-Advent, der Wartezeit bis zur Halbtausendjahrfeier der Thesen, hat die deutsche auswärtige Kulturpolitik gleich zwei spektakuläre Ausstellungsprojekte in amerikanischen Museen initiiert. Die Renovierung des Lutherhauses in Wittenberg macht es den Luthergedenkstätten des Landes Sachsen-Anhalt möglich, große Bestände von Lebenszeugnissen Luthers auf Minneapolis, New York und Atlanta zu verteilen. Im äußersten Westen, in Los Angeles, zeigen Museen aus Berlin, Dresden und München Meisterwerke der Kunst der Reformationszeit. Die ehrgeizigen Unternehmungen, deren Versicherungssummen man lieber nicht kennen möchte, bestätigen die Lektion von 1917: Dort, wo Luther eine denkbar allgemeine Bedeutung zugewiesen wird, stellen sich die Gemeinplätze der kulturprotestantischen Welthistorie ein.

          Ein so tiefer Eindruck wie Kolumbus

          Auf der deutschen Ausgabe des Katalogs der Lutherstädte prangt der Titel „Aufbruch in eine neue Welt“. Die Ausstellung selbst, die transatlantische Verschickung der Memorabilien, wird zum Sinnbild der Weltwirkung der Reformation: Luther ist gewissermaßen Kolumbus, und entdeckt hat er ein inneres Amerika, ein Land der individuellen Selbstgewissheit, lautet doch der englische Obertitel der dreigeteilten Schau „Here I stand“. Luthers letztes Wort auf dem Reichstag von Worms entzündete 1832 die Luther-Begeisterung von Ralph Waldo Emerson, dem neuenglischen Apostel des Individualismus. Er schrieb den Satz ab, als er den Entschluss fasste, sein Pfarramt in Boston aufzugeben. Drei Jahre später widmete er Luther den längsten seiner Vorträge über welthistorische Persönlichkeiten. Luther hat in Emersons Worten in der modernen Welt einen tieferen Eindruck hinterlassen als irgendjemand sonst - außer Kolumbus.

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