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Geld, Geld, nichts als Geld – an den Finanzmärkten herrscht eine gefährliche Fixierung, die sich auf die Gesellschaft überträgt. Bild: Picture-Alliance

Die Macht des Finanzmarkts : Noch nie war Menschsein so wenig wert

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So wird Reichtum geschaffen: Das moderne amerikanische Lebensgefühl ist bestimmt von einer gefährlichen Mentalität der Monetarisierung. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Als ich in den späten neunziger Jahren nach New York zog, sorgte sich mein Vater über meine wirtschaftlichen Perspektiven. In seinen Augen las ich zu viel Lyrik, und so machte er mir ein Angebot: Solange du jeden Tag das „Wall Street Journal“ liest, bezahle ich deine Miete. Und so fing ich an, jeden Tag in der Bibliothek unseres Viertels das „Wall Street Journal“ zu lesen. Es war der Anfang des Bullenmarktes der Neunziger, und egal ob auf Cocktailparties, Eröffnungen oder Lesungen, alle redeten über Aktienportfolios. Überall ging es um Geld: Geld wurde Teil des öffentlichen Diskurses, und die Tatsache, dass ich den Finanzmarkt verstand, gab mir eine neue Perspektive und verlieh mir Autorität.

          Nach ein paar Jahren intensiver Auseinandersetzung mit dem Thema erschien es mir, als ob sich der dichte Nebel verzog, Amerikas Geheimnisse sich mir erschlossen, und ich begann zu ahnen, dass die große unerzählte Geschichte unserer Zeit die der Finanzwelt ist. Die Geschichte ihres Aufstiegs ist in gewisser Weise auch die Geschichte Amerikas. Ich fing an, darüber zu schreiben, beschäftigte mich mit dem Anstieg der Verschuldung in Amerika oder in anderen Worten: mit dem Siegeszug des Finanzmarktes.

          Ayad Akhtar 2017 bei der Literary Gala. Der 1970 in New York geborene Autor ist Dramatiker. Seine Theaterstücke handeln immer wieder von den Schattenseiten der Weltwirtschaft.
          Ayad Akhtar 2017 bei der Literary Gala. Der 1970 in New York geborene Autor ist Dramatiker. Seine Theaterstücke handeln immer wieder von den Schattenseiten der Weltwirtschaft. : Bild: Picture-Alliance

          Vor sechzig Jahren wäre es unmöglich gewesen, den Zeitgeist zu begreifen, ohne Eisenhowers Konzept des „militärisch-industriellen Komplexes“ zu kennen. Heute erscheint mir unsere Gesellschaft weniger im Griff von lukrativer Kriegstreiberei zu sein. Dafür ist sie einer anderen Verflechtung von Interessen ausgeliefert, die ich den „Finanzmarkt-Aufmerksamkeits-Komplex“ nenne. Ich würde ihn definieren als die Verknüpfung eines reifen, allumfassenden Finanzsystems mit den Systematisierern und Vermarktern unserer Aufmerksamkeit. Das bedeutet, dass die menschliche Existenz nie weniger wert war, weil unser Handeln noch nie so voraussehbar war – und daher noch nie so vermarktbar.

          In der Tat war es der Finanzmarkt-Aufmerksamkeits-Komplex, der uns Smartphones bescherte und der all unsere Gedankenströme in kontinuierliche Geldströme verwandeln konnte, für wen und wo auch immer. Wir wurden reduzierbar auf Daten, die es dem System erlauben, von uns zu profitieren. So wurden wir zu ökonomischen Subjekten, die ihre Menschlichkeit eingebüßt haben.

          Denken wir einmal darüber nach, was das sein könnte, die Wirtschaft: eine körperlose Abstraktion, die wir aus der Ferne mit täglicher und fast heiliger Aufmerksamkeit beobachten. Wenn es der Wirtschaft gutgeht, sind wir ein Volk voller Hoffnung. Wenn die Wirtschaft strauchelt, bleiben die Untergangsgesänge nie aus. Es sind dieselben Elemente wie bei Mythen oder Religionen. Im Zentrum dieses ökonomischen Glaubens steht die Schuld. Wir leben im Zeitalter von Schuld und leverage, nicht dem des Kapitals. Leverage und Schuld sind die Modi Operandi, Herz und Seele der Weltwirtschaft. Beides sind abstrakte Dimensionen von Kapital, nicht Kapital per se, oder zumindest waren sie das nicht, bis in den 1980ern die Umwandlung von Tilgungszahlungen in Einkommen als gewinnträchtigste Aktivität der Welt systematisiert wurde.

          In seinem grundlegenden Werk „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ zeigt Thomas Piketty, was jeder echte Beobachter des Marktes schon immer wusste: Wenn Wirtschaftswachstum auf Erzeugung und Handel echter Güter und Leistungen beruht, wächst die Wirtschaft um 2 Prozent. Das Kapital hingegen wächst dann um 4 bis 5 Prozent. Kurz gesagt: das echte Wachstum liegt bei 2 Prozent, das Kapitalwachstum bei 5%. Irgendwann wird dies zu einem unhaltbaren Konflikt. Das Finanzwesen ist die Nahtstelle zwischen realem Wachstum und Kapitalwachstum. General Motors produziert keine Autos mehr um der Autoproduktion willen, es produziert Autos, um Kredite zu verkaufen, die 5 Prozent Rendite bringen. Das Auto wird zur Rechtfertigung des Bankkredits, der finanziell eine feste Renditezahlung bedeutet, die der Käufer für eine gewisse Zeit leisten muss und die wiederum verkauft werden kann. Anschließend kann man schließlich eine mit dieser Transaktion verbundene Versicherung anbieten. Es ist eine Kettenreaktion von Derivaten, die einen ganzen Sektor schafft, der mit Ausnahme der ersten Aktivität völlig losgelöst ist von konkreten Objekten.

          So wird hier Reichtum geschaffen, der nie in das System zurückgeführt wird, weil niemand für eine Dienstleistung bezahlt. Man bezahlt, um einen potentiellen Gewinn zu erzielen oder eine Rendite mit fester Verzinsung zu erreichen. Es ist die wichtigste Triebkraft der Gegenwart und die Logik hinter all den Provisionen. Diese Transformation von echter Produktion in einen Kapitalfluss ist verantwortlich für den desaströsen Untergang der Fertigungsindustrie. Diese Transformation erklärt die scheinbar grenzenlose Ausbreitung abstrakter ökonomischer Aktivitäten auf Kosten realer. Sie hilft uns zu verstehen, wie das Monetarisierungsmodell zum Hauptfokus von Interesse und Innovation in nahezu jedem industriellen Sektor wurde. Diese Monetarisierungsmentalität durchdringt das ganze moderne amerikanische Leben. In gewissem Sinne markiert sie den Aufstieg der kaufmännischen Klasse zur Macht mit all den einhergehenden Anstößigkeiten. Es ist kein Zufall, dass wir einen Unternehmer im Weißen Haus haben, wenn auch einen korrupten.

          Trump kam durch Schulden an die Macht. Er hat sich selbst zum König der Schulden erklärt. Diese Schuld entspricht der Differenz zwischen angenommenem und realem Wert, zwischen Sprache und Bedeutung im politischen Leben und zwischen Schein und Wirklichkeit in der Regierung. Der Finanzmarkt ist die treibende Kraft unserer Zeit. Und wir sind gerade erst dabei, uns der Konsequenzen seiner Machtübernahme bewusst zu werden.

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