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Doris Dörries Fukushima-Film : Japan, schwarzweiß

  • -Aktualisiert am

Bild: Majestic Filmverleih

Vor fünf Jahren löste ein Erdbeben in Japan eine nukleare Katastrophe aus. „Grüße aus Fukushima“, der neue Film von Doris Dörrie, zeigt, wie weit sie das stolze Land zurückgeworfen hat.

          Lachen ist zweifellos gesund. Wie es sich allerdings mit Radioaktivität und Heiterkeit im Speziellen verhält, da fehlen vermutlich noch einige Untersuchungen. Für die junge Deutsche Marie werden sie nicht ausschlaggebend sein. Sie will jetzt schon Gutes tun, und so kommt sie mit ein paar anderen guten Geistern in die weitgehend entvölkerte Gegend in Japan, in der im Jahr 2011 ein Erdbeben eine nukleare Katastrophe ausgelöst hat. Clowns4Help nennt sich das Unternehmen. Marie ist für Hula-Hoop zuständig. Sie setzt auf die therapeutische Wirkung von Hüftschwüngen. Zum Lachen ist ihr selber nicht zumute, aber so ist das ja häufiger mit Menschen, die helfen wollen: Sie verhelfen sich damit zu einer Alternative zu den eigenen Problemen.

          Japan ist durch die Katastrophe in der Zeit zurückgeworfen worden

          Die Landschaft, in die Marie kommt, ist schwarzweiß. Sie ist, wenn man so möchte, noch immer verstrahlt. Doris Dörrie übt sich in ihrem neuen Film „Grüße aus Fukushima“ selbst als Therapeutin. Sie sucht nach Spuren des Lebens in einer Todeszone und macht dabei weite, imaginäre Räume auf, auf die sich das große Wort Fukushima beziehen ließe. Das Schwarzweiß ist einerseits ein Zeichen für die vielen Verluste. Über dieses Land ist eine Flut hinweggegangen, geblieben sind nur Mauerreste und einige ältere Leute. Das Schwarzweiß ist aber auch ein Zeichen für einen Reinigungsprozess. Denn Japan ist durch diese Katastrophe in der Zeit zurückgeworfen worden, jedenfalls jenes Japan, das die deutsche Filmemacherin schon des Längeren sucht. Plötzlich ist es wieder so klar und fast schon transparent, wie man es aus manchen Klassikern von Yasujiro Ozu kennt, jenem Meister, der kleine Freuden und große Verluste immer wieder in eine tragfähige Balance zu bringen vermochte.

          So findet auch Marie, bevor sie frustriert und vorschnell das Weite suchen kann, ihr Gegenüber. Sie findet eine Frau, die sie wieder ins Gleichgewicht bringt. Ihr Name ist Satomi, vielleicht ist es kein Zufall, dass nur ein Buchstabe diese ehrwürdige Dame vom buddhistischen Zustand der Erleuchtung (Satori) trennt. Satomi hält sich nicht an die Anordnungen der Behörden. Sie begibt sich in den Sperrbezirk, denn dort ist ihr Haus oder das, was davon übrig geblieben ist.

          Marie, ganz den paradoxen Interventionen hingegeben, mit denen sich Klärungsprozesse beschleunigen lassen, fährt nicht zum Flughafen, sondern folgt Satomi. Gemeinsam richten sie sich in der Ruine ein. Und dann geht es doch sehr schnurstracks, wenngleich in höchst kontemplativem Tempo, in Richtung klassischer japanischer Kultur. Denn Satomi ist eine alternde Geisha, die in der Katastrophe auch ihre einzige Schülerin verloren hat. Da droht also bedeutendes Wissen verlorenzugehen, und nun hat Marie endlich eine Aufgabe, der sie sich mit Hingabe (also von sich selbst weg) widmen kann.

          Was zwischen kulturellen Sehnsuchtsbildern und der schnöden Wirklichkeit liegt

          In diesen Passagen ist „Grüße aus Fukushima“ manchmal fast komisch, vermutlich ist das auch gewollt, denn Doris Dörrie ist zwar keine Filmemacherin, die sich ihre Exkursionen in die internationale Spiritualität durch ironisches Augenzwinkern erkaufen würde. Wenn sie das „schöne Scheißleben“ im todessehnsüchtigen Mexiko sucht, dann stürzt sie sich mitten hinein, und wenn sie die „Kirschblüten“ in Japan feiert, dann kann es einem ganz anders vor Ergriffenheit werden. Darauf läuft es auch in „Grüße aus Fukushima“ hinaus, allerdings gibt es da eben noch diese körperliche Dissonanz zwischen Satomi (Kaori Momoi) und Marie (Rosalie Thomass). Die deutsche Schülerin ist alles andere als eine geborene Geisha, im Vergleich zum Anforderungsprofil ist sie fast schon grobschlächtig.

          Marie macht Hula-Hoop mit japanischen Rentnerinnen: Szene aus „Grüße aus Fukushima“

          Da hat Doris Dörrie mit einer passenden Besetzung erkennen lassen, dass sie sehr wohl weiß, was alles zwischen kulturellen Sehnsuchtsbildern und den manchmal schnöden Wirklichkeiten, aus denen man hier ins Kino geht, liegen mag. Das gilt auch für die tolle Szene, in der Satomi ihre Tochter in der Stadt besucht (das Verhältnis: natürlich entfremdet!). Diese Tochter hat einen so schrägen Mann, dass man sich wünschte, hier möge nun eine Sitcom beginnen, japanische Familie zwischen Hocken und Sitzen, mit deutscher Haushaltshilfe. Aber das ist es nicht, worauf „Grüße aus Fukushima“ hinauswill.

          Die noble Schule der Orthodoxie muss bis zum Ende besucht, der Tee darf nur nach Vorschrift eingeschenkt, die Leiter erst nach Bruch der letzten Planke weggeworfen werden. Immer noch ragt der Baum ins schwarzweiße Bild, an den Dörrie mit aller Kraft die Kirschblüten wünschen mag, die auch ein deutscher Atomausstieg nicht wieder hinzaubern kann, geschweige denn deutsche Pilger, die mit einer Bußfertigkeit nach Nippon kommen, von denen kein Lied einer Geisha etwas wissen kann.

          Was ist es, das zwischen kulturellen Sehnsuchtsbildern und den manchmal schnöden Wirklichkeiten liegt?

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