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Doppelagent Aimen Dean : Der Gesegnete

Aimen Dean Bild: BBC/Screenshot

Früher war er Mitglied bei Al Qaida. Dann wurde Aimen Dean vom britischen Geheimdienst umgedreht und verhinderte Anschläge. Seine Lebensgeschichte erscheint unglaublich, seine Einsichten sind klar und richtig.

          Sein Name ist Dean. Aimen Dean. Und er ist Agent Seiner Majestät. Oder ist es gewesen. Aimen Dean: Aimen heißt im Arabischen der Glückliche, der Gesegnete. Und Dean? Wie der amerikanische Jugendrebell? Oder der Dekan, der Älteste? Das würde passen zu diesem Mann, der in Wahrheit anders heißt und wie eine Figur aus einem Roman von John Le Carré erscheint. Seine Vita liest sich wie ausgedacht: Aimen Dean stammt aus Saudi-Arabien. Er wächst in einer streng religiösen Familie auf. Als Junge schon folgt er konservativen Predigern. Er glaubt, dass der Westen einen Krieg gegen den Islam führt und die Muslime vernichten will. Er stößt zu den Gründungsmitgliedern von Al Qaida. Er wird bestens bekannt mit Usama Bin Ladin, ist sozusagen per du mit dem Scheich.

          Dann dreht ihn der britische Geheimdienst um. Er wird Doppelagent. MI5 und MI6 verhindern mit seiner Hilfe Anschläge und kommen verschiedenen Terrorführern auf die Spur. Aimen Dean wandelt zwischen den Fronten, bis seine Identität auffliegt. Heute arbeitet er als Sicherheitsberater für Banken. Ist das zu glauben?

          Ein pflichtbewusster Muslim

          Stephen Sackur, dem Gastgeber der BBC-Interviewsendung „Hardtalk“, fällt das augenscheinlich schwer. Immer und immer wieder fragt er seinen Gast nach Details, als wolle er sein Alibi abklopfen. Wie war Usama Bin Ladin denn so? Wie war es bei den Kämpfen in Bosnien? In Afghanistan? Woher der Sinneswandel? Warum wechselt jemand, der bei Al Qaida war, junge Männer ausbildete und den Kampf gegen den Westen predigte, die Seiten? Wieso liefert er die Glaubensbrüder aus, mit denen er in den „Heiligen Krieg“ zog? Der Journalist ist - wie die britische Presse insgesamt - so fasziniert von den Details der Geschichte und den möglichen Zweifeln daran, dass er die entscheidende Antwort auf seine Fragen gar nicht mitbekommt: Aimen Dean ist ein religiöser Muslim, der seine Pflichten befolgt.

          Als junger Mann empfand er es als seine Pflicht, in den Dschihad zu ziehen, weil man ihm eingeredet hatte, dass ein guter Muslim gar nicht anders könne. Dann, als die Anschläge von Al Qaida Hunderte Opfer fordern - Muslime, Christen, Juden, Kinder, Frauen, Männer, gleich welcher Nationalität -, glaubt Aiman Dean nicht mehr daran, dass dies Sinn und Zweck seiner Religion ist. Sondern im Gegenteil: damit aufzuhören und denen, deren Glaube und Ideologie der pure Hass ist, entgegenzutreten. Der Islam macht die härteste Identitätskrise seit seinem Bestehen durch, sagt Aimen Dean. Al Qaida ist nur die Vorgruppe des „Islamischen Staats“ gewesen, der die grausamste Schlächterherrschaft in der Geschichte der Menschheit darstellt.

          Wie diese besiegen, beenden? Das können nur die Muslime selbst, sagt Aimen Dean. Seine paradigmatische Lebensgeschichte mag einem unglaublich erscheinen, seine Einsicht ist klar und richtig und die Botschaft, der sich auch die muslimischen Verbände in diesem Land verschreiben müssen. In Frankfurt wurde gerade erst ein Anschlag verhindert, der im Namen ihrer Religion verübt werden sollte.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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