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Donald Duck zum Achtzigsten : Weltstar aus dem Club der Müßiggänger

Immer noch im Matrosenanzug: Donald Duck Bild: Disney

Seine Faulheit ist sprichwörtlich. Aber sie hat, um das Mindeste zu sagen, seine internationale Karriere nicht behindert: Über Donald Duck und seinen ersten Auftritt vor achtzig Jahren.

          6 Min.

          „The Wise Little Hen“, der sieben Minuten lange Zeichentrickfilm aus dem Studio von Walt Disney, in dem Donald Duck debütierte, kam am 9. Juni 1934 in die amerikanischen Kinos. Die Gattung, der diese Erzählung in bewegten bunten Bildern angehört, ist leicht zu bestimmen. Es handelt sich um eine klassische Fabel, Disneys Version einer lehrhaften Geschichte aus dem Tierreich, die ein beliebter Kinderbuchstoff war. Florence White Williams bezeichnete die Geschichte, die sie 1918 unter dem Titel „The Little Red Hen“ in einer von ihr illustrierten Fassung veröffentlichte, im Untertitel als ein altes englisches Volksmärchen. Die meiste Verbreitung fand später die Version der Bilderbuchserie  „Little Golden Books“.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Eine Henne will Korn anbauen und bittet die anderen Tiere um Mithilfe. Sie holt sich überall einen Korb und muss sich alleine um die Aussaat kümmern. Als die Ernte ansteht, wiederholt sich das Spiel: Ihre Bitten um Mitarbeit werden abschlägig beschieden. Erst als die Ernte eingebracht und das Brot gebacken ist, sind die verhinderten Saat- und Erntehelfer zur Stelle. Sie wollen gerne mitessen, bekommen nun aber nichts ab. Die Moral von der Geschichte steht schon in der Bibel und muss gar nicht unter der Geschichte stehen: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.

          Ein Folge der „Silly Symphonies“

          In der Trickfilmversion von Disney sind von der großen Menagerie der Tagediebe und Schmarotzer zwei Exemplare übrig geblieben, das Schwein und die Ente. Sie haben Eigennamen bekommen, Chiffren einer Individualität, von der in der Fabel nicht die Rede ist: Peter Pig und Donald Duck. Die überaus liebevoll ausgemalten Hintergründe weisen jeder Figur eine eigene Lebensumwelt zu, das narzisstische Gehäuse einer mit Memorabilien dekorierten Wohnung.

          „The Littel Red Hen“: Umschlag der Buchausgabe mit den Illustrationen von Florence White Williams, 1918.

          Dass die Form der Fabel nicht gesprengt wird, bewirkt eine formale Eigenschaft der Serie von Kurzfilmen, zu der „The Wise Little Hen“ gehört. Die „Silly Symphonies“ waren Disneys zweite, erfindungsreichere Filmreihe neben den Micky-Maus-Cartoons. Ursprünglich spann jeder dieser Filme einen musikalischen Gedanken aus. So wird die gesamte Geschichte von „The Wise Little Hen“ in Form eines eingängigen Liedes erzählt. Wie im Fluge geht das Jahr zwischen Aussaat und Festmal vorüber, weil die Musik nie innehält.

          In diesem Musical aus einer Nummer verhalten sich Peter Pig und Donald Duck so, wie es ihr Typ gebietet. Sie sind Wesen desselben Typs. Es wird oft behauptet, dass Donald Duck schon bei seinem ersten Auftritt die Charakterzüge zeigt, die dann in den folgenden Filmen und insbesondere im Comic entfaltet wurden. Soweit das zutrifft, ist es auch deshalb bemerkenswert, weil Donalds Charakter sich von dem seines schweinischen Kumpels in nichts unterscheidet.

          Im „Idle Hour Club“

          Das Schwein ist der Präsident des Clubs der Müßiggänger, des „Idle Hour Club“, dessen Satzungszweck das Schild am Clubheim provokant zur Schau stellt, der Enterich der Vizepräsident. Vielleicht tauschen die beiden Schlawiner am Ende des Geschäftslosigkeitsjahres die Ämter, vielleicht sind sie aber auch zu faul, das Schild neu zu malen. Bis ins gestische Detail betont der Film, auch insofern der choreographischen Logik des Musicals verpflichtet, die Parallelität des Verhaltens: Beide reden sich mit fingierten Bauchschmerzen heraus, beide freuen sich diebisch darüber, dass sie, wie sie meinen, die brave Henne getäuscht haben.

          Warum wurde Donald Duck der Weltstar und nicht Peter Pig? Man darf zufällige Umstände nicht unterschätzen. Neben den Drei kleinen Schweinchen, den Helden einer der berühmtesten „Silly Symphonies“, war vielleicht für ein weiteres Schwein kein Platz. Und Clarence Nash demonstrierte, so kurz sein Text auch war, schon das Potential einer Kunst der akustischen Charakterisierung durch konzentrierte Verformung.

          Donald Ducks Faulheit ist sprichwörtlich. Insofern ist er selbst zur Fabelgestalt geworden. Auch wer „The Wise Little Hen“ nicht kennt, hat bei der Lektüre von Duck-Comics den Donald des ersten Films vor Augen, obwohl der Schnabel kürzer und der Rumpf runder geworden ist. Man weiß, dass Donald  sich allen Arbeitsaufträgen zu entziehen versucht, wenngleicher in seiner städtischen Umgebung kaum Gelegenheit hat, Ernst zu machen mit dem untätigen Leben.

          Land gegen Meer

          Im Unterschied zur Fabelfigur des ersten Films ist der Donald Duck der Comics ein Stadtbewohner. Das gilt für die von Al Taliaferro gezeichneten Comicstrips, die in Zeitungen gedruckt wurden und einen Donald zeigen, zu dessen hervorstechenden Merkmalen Geduld und Findigkeit des Zeitungslesers gehören; das gilt für die Comichefte von Carl Barks, obwohl Barks auf einer Farm aufgewachsen war und den Beruf des Comiczeichners unter anderem deshalb wählte, weil er dieser Arbeit in einem Farmhaus nachgehen konnte; und es gilt auch für den dritten Donald, die bislang letzte Variation und Bereicherung des Grundmusters im Schaffen von italienischen Comiczeichnern wie Romano Scarpa und Giorgio Cavazzano. Im Layout der Taschenbuchseiten von „Topolino“, der italienischen „Micky Maus“, spiegelt sich die Gedrängtheit der italienischen Stadtrepubliken, die seit dem Mittelalter eine Theatralik des Konfliktaustrags begünstigte.

          Verblüffend an „The Wise Little Hen“ ist, dass wir hier statt dem Gegensatz von Stadt und Land  einem anderen weltsozialgeschichtlichen Spannungsverhältnis begegnen, dem Antagonismus von Land und Meer. Der Donald Duck des Urfilms ist wirklich noch ein Wasservogel. Bevor wir ihn sehen, lesen wir seinen Namen auf einem Rettungsring. Nachdem wir ihn kennengelernt haben, können wir uns allerdings vorstellen, dass er selbst den Ring benötigt.

          Man muss es für denkbar halten, dass er nicht schwimmen kann – darin deutet sich das Singuläre dieses Enterichs an. Im Film von 1934 wohnt er auf einem Hausboot. Damit hat man die Erklärung für den Matrosenanzug, Donalds auffälligstes Attribut, das später nicht mehr zur Sprache oder genauer gesagt ins Bild kommt. Er begrüßt die Henne, in dem er nach allen Regeln der Hüpfkunst einen Hornpipe tanzt. Nur ausnahmsweise ist in den Comics der maritime Schicksalshintergrund des komischen Vogels Anlass für eine Pointe. Donald Duck trägt den Matrosenanzug so selbstverständlich wie unsereiner den Namen des längst untergegangenen Berufs seiner Vorfahren. Dass Donald eine Geschichte hat, die nicht transparent ist wie die Eigenschaften eines Fabelakteurs, trägt zu seiner Unverwechselbarkeit bei. Disneys Fabel vom schlauen kleinen Huhn ist mit mythischem Beiwerk ausgeschmückt.

          Eine Fabel und ihre Interpreten

          Man kann sich als Zuschauer des Films nicht vorstellen, dass Donald mit seinem Hausboot je wieder ablegen wird. Das Leben auf dem Wasser ist schließlich sehr viel arbeitsintensiver als der sporadische Hilfsdienst beim Getreideanbau, dem Donald Duck und Peter Pig sich entziehen. Der Film spielt in einer Welt, in der der Landbau der alternativlose Inbegriff der Zivilisation ist. Die Polemik dieser Fassung der Fabel richtet sich gegen den Individualismus als sozialmoralischen Isolationismus, gegen die Zeitgenossen, die zu verstehen geben, sie könnten  jederzeit den Anker lichten und sich aus allen sozialen Bindungen lösen – die Vorfahren jener Amerikaner, die im Streit um Präsident Obamas Gesundheitsreform zu Nutznießern der Fürsorge konservativer Juristen wurden: Ein Grundrecht, keinen Versicherungsvertrag abzuschließen, konnte deshalb postuliert werden, weil im Notfall kein Krankenhaus einen Patienten abweisen darf.

          Die Fabel von der kleinen roten Henne ist ein kanonischer Text des libertären Konservatismus in Amerika. Ronald Reagan hat sie in einer Rede als Absage an das Alimentationsprinzip des Sozialstaats interpretiert. Libertäre Blogger schätzen den schroffen Schluss der Fassung von Florence White Williams: Die Henne eröffnet den Nichtstuern nicht nur, dass es für sie nichts zu essen gibt, sondern spricht auch aus, dass sie das von ihr gebackene Brot selbst aufessen wird.

          Diese Unverblümtheit ist schon der Ton von Ayn Rand, die die Geschichte tatsächlich in ihrer russischen Kindheit gehört haben könnte. Im Film dienen die süßen Brotsorten, die die Henne aus dem Korn gewinnt, Maiskuchen und Muffins, der fürstlichen Fütterung ihrer Küken – von denen bei Florence White Williams nur am Rande die Rede ist und gar nicht mehr, als es ans Verteilen geht. Der Eindruck, es gehe der Fabel um den Genuss der Früchte der eigenen Arbeit, kann im Film nicht aufkommen.

          Lob der gemeinnützigen Arbeit

          Aus „The Wise Luttle Hen“ spricht der moralische Optimismus des New Deal. Die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, mit denen die Regierung Roosevelt die Arbeitslosigkeit und den Hunger bekämpfte, finden in Disneys Fabel ihre logische Vollendung in der Heranziehung von Junggesellen, die tanzend das Nichtstun zelebrieren, zu gemeinnütziger Arbeit. Ist die Henne überhaupt eine private Marktteilnehmerin?

          Bei Florence White Williams findet sie das sprichwörtliche einzelne Korn und muss zunächst einmal erforschen, wozu es gut ist. Die Heldin des Films trägt Maiskolben zu Demonstrationszwecken mit sich herum und weiß schon alles über den Maisanbau. Auf die Hilfe ihrer Nachbarn ist sie eigentlich nicht angewiesen: Die Küken tun die Arbeit, mit einer Fröhlichkeit, die den Gedanken an das Verbot der Kinderarbeit gar nicht erst aufkommen lässt. Wie die kleinen Vögelchen, dirigiert von der Mutter, durch geschickte Aufteilung der Arbeit mit viel zu großen, kreativ eingesetzten Werkzeugen den Erdboden aufwühlen, so dass im Nu der Musicallogik riesige Maisstauden emporschießen, ist eine wunderbare Bebilderung von Roosevelts Vision der Vollbeschäftigung durch umwälzende Landbearbeitung.

          Im alten Kinderbuch lehnen die Tiere die Bitte um Mithilfe ohne jede Angabe von Gründen ab. Die bloße Willenserklärung genügt. Peter Pig und Donald Duck führen dagegen die Komödie des imposanten Bauchgrimmens auf – und empfehlen sich damit als Objekte der Fürsorge ihrer überaktiven Nachbarin. Und so werden sie tatsächlich nicht mit nichts abgespeist, sondern mit einer Flasche Rizinusöl. Zwar ist es als Abführmittel geeignet, doch 1934 verabreichte man es Bauchwehkranken wohl seltener als unartigen Kindern.

          Die körperliche Züchtigung, die zur bitteren Lektion gehört, verabreichen die beiden beschämten Drückeberger einander wechselseitig. Donald Duck betritt die Bühne nicht als der Anarchist der vulgärdonaldistischen Legende, sondern als der störrische Begünstigte kooperativer Daseinsvorsorge. Das Wappentier des wohlfahrtsstaatlichen Materialismus ist – mit einem Wort, das die Donald-Duck-Übersetzerin Erika Fuchs für die weiblichen Offiziere der Entenhausener Pfadfinderschaft verwendet – die Gluckhenne.

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