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Donald Duck zum Achtzigsten : Weltstar aus dem Club der Müßiggänger

Eine Fabel und ihre Interpreten

Man kann sich als Zuschauer des Films nicht vorstellen, dass Donald mit seinem Hausboot je wieder ablegen wird. Das Leben auf dem Wasser ist schließlich sehr viel arbeitsintensiver als der sporadische Hilfsdienst beim Getreideanbau, dem Donald Duck und Peter Pig sich entziehen. Der Film spielt in einer Welt, in der der Landbau der alternativlose Inbegriff der Zivilisation ist. Die Polemik dieser Fassung der Fabel richtet sich gegen den Individualismus als sozialmoralischen Isolationismus, gegen die Zeitgenossen, die zu verstehen geben, sie könnten  jederzeit den Anker lichten und sich aus allen sozialen Bindungen lösen – die Vorfahren jener Amerikaner, die im Streit um Präsident Obamas Gesundheitsreform zu Nutznießern der Fürsorge konservativer Juristen wurden: Ein Grundrecht, keinen Versicherungsvertrag abzuschließen, konnte deshalb postuliert werden, weil im Notfall kein Krankenhaus einen Patienten abweisen darf.

Die Fabel von der kleinen roten Henne ist ein kanonischer Text des libertären Konservatismus in Amerika. Ronald Reagan hat sie in einer Rede als Absage an das Alimentationsprinzip des Sozialstaats interpretiert. Libertäre Blogger schätzen den schroffen Schluss der Fassung von Florence White Williams: Die Henne eröffnet den Nichtstuern nicht nur, dass es für sie nichts zu essen gibt, sondern spricht auch aus, dass sie das von ihr gebackene Brot selbst aufessen wird.

Diese Unverblümtheit ist schon der Ton von Ayn Rand, die die Geschichte tatsächlich in ihrer russischen Kindheit gehört haben könnte. Im Film dienen die süßen Brotsorten, die die Henne aus dem Korn gewinnt, Maiskuchen und Muffins, der fürstlichen Fütterung ihrer Küken – von denen bei Florence White Williams nur am Rande die Rede ist und gar nicht mehr, als es ans Verteilen geht. Der Eindruck, es gehe der Fabel um den Genuss der Früchte der eigenen Arbeit, kann im Film nicht aufkommen.

Lob der gemeinnützigen Arbeit

Aus „The Wise Luttle Hen“ spricht der moralische Optimismus des New Deal. Die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, mit denen die Regierung Roosevelt die Arbeitslosigkeit und den Hunger bekämpfte, finden in Disneys Fabel ihre logische Vollendung in der Heranziehung von Junggesellen, die tanzend das Nichtstun zelebrieren, zu gemeinnütziger Arbeit. Ist die Henne überhaupt eine private Marktteilnehmerin?

Bei Florence White Williams findet sie das sprichwörtliche einzelne Korn und muss zunächst einmal erforschen, wozu es gut ist. Die Heldin des Films trägt Maiskolben zu Demonstrationszwecken mit sich herum und weiß schon alles über den Maisanbau. Auf die Hilfe ihrer Nachbarn ist sie eigentlich nicht angewiesen: Die Küken tun die Arbeit, mit einer Fröhlichkeit, die den Gedanken an das Verbot der Kinderarbeit gar nicht erst aufkommen lässt. Wie die kleinen Vögelchen, dirigiert von der Mutter, durch geschickte Aufteilung der Arbeit mit viel zu großen, kreativ eingesetzten Werkzeugen den Erdboden aufwühlen, so dass im Nu der Musicallogik riesige Maisstauden emporschießen, ist eine wunderbare Bebilderung von Roosevelts Vision der Vollbeschäftigung durch umwälzende Landbearbeitung.

Im alten Kinderbuch lehnen die Tiere die Bitte um Mithilfe ohne jede Angabe von Gründen ab. Die bloße Willenserklärung genügt. Peter Pig und Donald Duck führen dagegen die Komödie des imposanten Bauchgrimmens auf – und empfehlen sich damit als Objekte der Fürsorge ihrer überaktiven Nachbarin. Und so werden sie tatsächlich nicht mit nichts abgespeist, sondern mit einer Flasche Rizinusöl. Zwar ist es als Abführmittel geeignet, doch 1934 verabreichte man es Bauchwehkranken wohl seltener als unartigen Kindern.

Die körperliche Züchtigung, die zur bitteren Lektion gehört, verabreichen die beiden beschämten Drückeberger einander wechselseitig. Donald Duck betritt die Bühne nicht als der Anarchist der vulgärdonaldistischen Legende, sondern als der störrische Begünstigte kooperativer Daseinsvorsorge. Das Wappentier des wohlfahrtsstaatlichen Materialismus ist – mit einem Wort, das die Donald-Duck-Übersetzerin Erika Fuchs für die weiblichen Offiziere der Entenhausener Pfadfinderschaft verwendet – die Gluckhenne.

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