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Domingo in Salzburg : Vom Beifall exkulpiert

  • -Aktualisiert am

Placido Domingo auf der Bühne in Salzburg mit dem Mozarteum-Orchester Bild: EPA

Es war sein erster Auftritt nach den Vorwürfen: Plácido Domingo singt in Salzburg Verdi – und wird schon vor dem ersten Ton frenetisch gefeiert.

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          Standing Ovations, bevor noch ein Ton erklungen ist, dürften auch bei den Salzburger Festspielen singulär sein. Entgegengebracht wurden sie dem Jahrhundertsänger Plácido Domingo, der kürzlich wegen sexueller Belästigung ins MeToo-Gerede gekommen ist. Als er zusammen mit den anderen Starsolisten auf die Bühne des restlos ausverkauften Großen Festspielhauses kam, sprangen prompt ein paar spanische Opernfreaks auf, die sich in ihrer vehementen Domingo-Begeisterung nicht bremsen ließen, bis sich der ganze Saal zu minutenlangem Begrüßungsapplaus erhob: eine Welle der Sympathie, Verehrung und Exkulpation umspülte Domingo, der sich während der Proben zur konzertanten Aufführung von Verdis Oper „Luisa Miller“ in einem der „schwersten Momente seines Lebens“ befunden haben soll, wie die Salzburger Presse berichtete.

          Ehre und öffentliches Ansehen einer Person stünden auf dem Spiel, hatte der spanische Kulturminister José Guirao Ende vergangener Woche verkündet. Aber auch eine spanische Verteidigerin wurde zitiert. „Das riecht irgendwie nach Rache“, meinte die spanische Sängerin Nancy Fabiola Herrera, weil die anonym bleibenden Anklägerinnen nicht zur Polizei, sondern an die Presse gegangen seien. Ganz abwegig wirkt dieser Verdacht nicht, sonst würden sich wahrscheinlich nicht so viele Frauen mit Domingo solidarisch erklären, darunter ehemalige Kolleginnen wie Teresa Berganza und gegenwärtige wie Barbara Frittoli, Asmik Grigorian, Sonya Yontcheva – er sei „ein echter Gentleman“ – oder auch Anna Netrebko, die sich schon auf ihren nächsten Auftritt mit Domingo an der New Yorker Met freut. Sofern die Veranstaltung nicht noch abgesagt wird. In Europa geht man gnädiger mit Domingo um als in Amerika, wo er lebt.

          Und, Hand aufs Herz: Hätten Frauen im heutigen Rentenalter nicht eine auskömmliche Beschäftigung, wenn sie jeden Mann anzeigten, der ihnen vor dreißig oder vierzig Jahren die Hand aufs Knie gelegt hat? Ein zweiter Fall Gustav Kuhn, geschasster Alleinherrscher der Tiroler Festspiele in Erl und Auslöser der MeToo-Untergruppe „Voice it“ von Elisabeth Kulman, ist die Causa Domingo – zumindest bis auf weiteres – nicht.

          Nerven hat der Mann

          Aus europäischer, spezifisch Salzburger und vor allem künstlerischer Sicht wäre eine Absage an Plácido Domingo jedenfalls ein Fehler gewesen. Der mittlerweile Achtundsiebzigjährige (oder gar um vier Jahre Ältere; die Angaben sind widersprüchlich) ist stimmlich noch lange nicht am Ende. Dass er in diesem Alter überhaupt noch singen kann, geht gegen die Natur. Dass seine vom Tenor zum edlen Bariton mutierte Stimme jedoch noch kontrolliert ist, kein Alterstremolo, kein Wegbrechen, keine Atemnot erkennen lässt, ist ein Wunder.

          Stupende Technik, ein halbes Jahrhundert Erfahrung als musikalischer Allrounder und das Wissen um das richtige Repertoire tragen ihn bis heute. Und Nerven hat der Mann, die offenbar auch dem größten psychologischen Druck standhalten.

          Die Rolle des Miller in Verdis Oper, die er heuer in Salzburg zweimal singt, hat Domingo in der Saison 2017/18 für die Met einstudiert, und er erfüllt sie als liebender, zorniger und kämpferischer Vater mit tenoralem Bariton, souverän geführt, ungemein präsent im Ensemble und im Schlussduett mit Luisa von nobler Intimität und emotionaler Zugewandtheit. Da umarmen sich Vater und Tochter sogar, wollen gemeinsam fliehen, aber zu spät: Luisas Geliebter Rodolfo hat schon den Giftbecher für sich und Luisa gebraut. Nino Machaidze, die auf diese Rolle abonniert scheint, singt die Luisa mittlerweile etwas scharf, mit blitzenden Koloraturen und einem mitunter starken Vibrato. Piotr Beczala verkörpert den Rodolfo mit tenoraler Emphase und dynamischem Brio, setzt damit den Maßstab für die ungewöhnliche Lautstärke dieser Aufführung: ein Mann im permanenten Ausnahmezustand.

          Großartig, wie Verdi das letzte Zusammentreffen mit Luisa orchestral begleitet, Rodolfos Verletztheit, dessen Zorn, wenn Luisa ihm die mörderische Intrige enthüllt, in die sie beide geraten sind, und schließlich das Innehalten, fast ein Stammeln der Musik, wenn Luisa um den Segen des Vaters bittet. Um dann in eine finale Düsternis umzuschlagen, die „Rigoletto“ in greifbare Nähe rückt.

          Durch die Aufführung getragen wurde Domingo vom gesamten Ensemble, dem bestens disponierten Mozarteumorchester Salzburg, das ihm unter der Leitung von James Conlon zu Füßen lag, dem glänzenden Wiener Staatsopernchor und schließlich von zwei der denkbar schwärzesten Bässe: von Roberto Tagliavini in der Rolle des Walter, Rodolfos Vater, mit bedrohlichem Volumen und abgrundtiefer Bosheit im Duett mit seinem außer sich geratenden Sohn, und von John Relyea, der seinen Wurm – so heißt die Figur bei Schiller und Verdi – als Lindwurm wahrhaft Wagnerscher Gurgelwonnen anlegte.

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