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Rechte Frauen : Der neue Nazi-Sex-Boom

Nationalsozialismus gleich sexuelle Verführung durch gefährliche Weiblichkeit – diese Gleichung gilt nicht nur für „Deutschland 1944“. So rechnen in Nachkriegsjahren viele Künstler und Schriftsteller und Regisseure. Und wieder ist es dieser einfache Mechanismus: Sich als Opfer darstellen, sich distanzieren und so selbst entlasten. Ein Alibi ist das, weil man Angst hat, dem brutalen, mordenden Anderen anzugehören. Doch die Angst führt „nicht nur zu Ablehnung, sondern auch zu einem tiefen, unaussprechlichen Begehren“, schreibt Julia Noah Munier.

Schuld ist die dämonenhafte Frau

Das Problem mit dem Sex und den Nazis ist nicht nur der offensichtliche Versuch, die eigene Verantwortung verdrängen, vergessen zu wollen. Es ist auch die Verharmlosung. Wenn Sexualität als Ursache, als Ursprung des Nationalsozialismus erscheint, stellten sich weniger Fragen nach dem Wie, nach dem Warum, das ist eine These im Buch. Und ja, die deutsche pedantische Planung des fabrikhaften Tötens ist mit Sex, ist mit Trieben nicht zu erklären.

In „Sexualisierte Nazis“ drängen sich unzählige Werke aus den Nachkriegsjahren bis heute, die Munier geschaut hat, gelesen, gedeutet. Das musste sie auch, denn zum Schluss deutet sie das Deutschland von heute. Sie zitiert zuerst die Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2015. Da sagten 81 Prozent der Deutschen, dass sie die Geschichte der NS-Judenverfolgung „hinter sich lassen“ wollen. Und dann Muniers These: Das neue Vergessenwollen steht im Zusammenhang mit der Konjunktur der Sexualisierung im Jetzt. Diesen neuen Nazi-Sex-Boom beschreibt, beobachtet Julia Noah Munier in der Kunst – in Musik, in Büchern, in Filmen.

Was aber ist mit der Wirklichkeit? Da geht es kaum mehr um die alten Nazis, es geht um die neue Rechte. In Zeitungen, Zeitschriften, im Fernsehen sieht man sie jetzt jeden Tag. Und immer wieder werden sie über ihre Sexualität gedeutet, gezeigt. So wie die dominahafte Frauke Petry vor der Herrentoilette im „Spiegel“. Und überhaupt Frauke Petry: Die Ikone der Rechtspopulisten, die sie war, bis sie sich selbst geköpft hat, erklärt und erklärte man oft über die Weiblichkeit Petrys. Eine Frau für Menschen, die „Bestrafungsphantasien“ hegten, schreibt „Spiegel Online“. „Wie gefährlich ist diese Frau?“, fragt die „Zeit“ und sagt später, dass sie es sich „leisten“ kann, „ungeschminkt aufzutreten“, was so viel heißt, dass sie heiß ist.

Fortsetzung der Petry-Sexualisierung mit fiktionalen Mitteln - eine Szene aus dem „Tatort“ „Dunkle Zeit“, in der Anja Kling (Mitte) die Vorsitzende einer rechtspopulistischen Partei spielt.

„Machthungrig“, „verbissen“ und „sexy“ sind die Worte, die in Zeitungen um den Namen Petry herumstehen. Doch der Höhepunkt der Petry-Sexualisierung lief im Fernsehen, lief letzte Woche, als ihre Doppelgängerin zum Höhepunkt kam. Das war im „Tatort“, der immer seltener Kunst ist, immer öfter ein moralistischer ARD-Leitartikel zur politischen Lage im Land. Anja Kling spielt da die Rolle der Fraktionschefin einer Rechtspopulisten-Partei, die klar die AfD darstellen soll. Und Kling hat sehr viel zu tun – mit Parteistreitereien, mit einem Mordfall –, aber Zeit für Oralsex. Wichtig: Sie wird befriedigt. Ihr Geliebter bückt sich, den Rest sieht man in ihren Augen, die sie lustvoll verdreht.

Der Sexappeal der Populisten

In den Augen von Melanie Schmitz, einer Identitären aus Halle, sieht ein „Spiegel“-Autor überhaupt nichts. Es ist ein Porträt, das im letzten Satz das Gesicht der Rechten erklärt, es sagt: „Man kann darin nichts lesen.“ Verständlicherweise. Denn der Kopf dieser Schmitz spielt im Text kaum eine Rolle. Dort geht es viel mehr um ihren Körper. Es geht darum, dass sie mal ein „sehr kurzes Kleid“ trägt oder „Netzstrumpfhose“ oder einen „Badeanzug“, oder sie sitzt „mit kurzem Rock und angewinkelten Beinen in einem Himmelbett“. Das sieht der Autor, wenn er sich Melanie Schmitz im Internet ansieht, und er hört damit einfach nicht auf: „Sie trägt dezente Ohrringe und roten Lippenstift. Sie ist schlank, hat hohe Wangenknochen und herbstrot gefärbte Haare. Man schaut sie an und ist hypnotisiert von der Inszenierung dieser Frau. (...) Es ist die perfekte Verführung“. Den Rest sagen die Fotos der fünf sexy Seiten – ikonenhaft, schwarz-weiß.

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