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Dokumentation : Keine Reue - aus den Schlussplädoyers von Pussy Riot

  • Aktualisiert am

Die drei angeklagten „Pussy Riot“-Mitglieder Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch Bild: Prozess gegen Pussy Riot/AFP

Die drei angeklagten Musikerinnen geben nicht klein bei. In ihren Ausführungen vor Gericht bleiben sie ihrer regimekritischen Haltung treu. Wir dokumentieren Auszüge aus ihren Schlussplädoyers.

          5 Min.

          Jekaterina Samuzewitsch

          Normalerweise wird erwartet, dass Angeklagte im Schlusswort Reue zeigen, die begangene Tat bedauern oder mildernde Umstände aufzählen. Bei mir und bei meinen Kolleginnen ist das absolut unnötig. (. . .)

          Unser plötzlicher musikalischer Auftritt in der Christi-Erlöser-Kathedrale mit dem Lied „Muttergottes, vertreibe Putin“ hat das von der Macht über lange Zeit aufgebaute und genährte Medienimage beschädigt und seine Verlogenheit offensichtlich gemacht.

          Mit unserer Aufführung haben wir es gewagt, das visuelle Bild der orthodoxen Kultur ohne den Segen des Patriarchen mit der Protestkultur in Verbindung zu bringen, damit gescheite Menschen auf die Idee kommen, dass die orthodoxe Kultur nicht nur der russisch-orthodoxen Kirche, dem Patriarchen und Putin gehört. Sie kann auch auf Seiten der bürgerlichen Rebellion und der Proteststimmungen in Russland stehen. (. . .)

          Einerseits rechnen wir jetzt mit einem Schuldspruch. Im Vergleich zum Justizapparat sind wir nichts; wir haben verloren. Andererseits haben wir gewonnen. Die ganze Welt sieht jetzt, dass das Strafverfahren gegen uns manipuliert ist. Das System kann den repressiven Charakter dieses Prozesses nicht verbergen. Wieder einmal sieht Russland in den Augen der Weltgemeinschaft anders aus, als Wladimir Putin es bei seinen täglichen internationalen Begegnungen darstellen möchte. Alle von ihm versprochenen Schritte auf dem Weg zum Rechtsstaat sind ganz offenkundig nicht vollzogen worden. Und seine Erklärung, dass das Gericht in unserem Verfahren objektiv vorgehen und eine gerechte Entscheidung treffen wird, ist eine weitere Täuschung des ganzen Landes und der Weltgemeinschaft. Das ist alles, danke.

          Quelle: http://echo.msk.ru/blog/katia_samutsevich/919087-echo/

          Marija Aljochina

          (. . .) Interessant an der von uns initiierten Situation ist, dass sie von Anfang an entpersonalisiert war. Wenn wir von Putin reden, meinen wir nicht in erster Linie die Person W. W. Putin, sondern Putin als das von ihm selbst erschaffene System - die praktisch vollkommen von einer Hand gelenkte Machthierarchie. In dieser Hierarchie wird die Meinung der Masse und - was mir am meisten Sorgen macht - die Meinung der jungen Generation nicht im Geringsten berücksichtigt. Wir meinen, dass die Ineffektivität dieser Leitung praktisch überall offensichtlich ist. (. . .)

          Ich möchte anmerken, dass unser Prozess sehr eindrücklich bestätigt, dass es Tausender von Menschen auf der ganzen Welt bedarf, um das Offensichtliche zu beweisen. Nämlich, dass wir alle drei nicht schuldig sind. Wir sind nicht schuldig, davon spricht die ganze Welt. Sie spricht davon auf Konzerten, im Internet, in der Presse. Und sie spricht davon in Parlamenten. Der englische Premierminister unterhält sich mit unserem Präsidenten zur Begrüßung nicht über die Olympischen Spiele, sondern fragt ihn: „Weshalb sitzen drei unschuldige Mädchen im Gefängnis? Das ist eine Schande.“ (. . .)

          Diese Leute haben aufgehört, sich als Bürger zu fühlen. Sie fühlen sich einfach als automatische Massen. Sie haben nicht einmal das Gefühl, dass ihnen der Wald direkt neben ihrem Haus gehört. Ich bezweifle sogar, dass sie ihr eigenes Haus als ihren Besitz betrachten. Denn wenn jemand mit dem Bagger am Hauseingang dieser Leute vorfährt und ihnen sagt, dass sie das Feld räumen müssen: „Entschuldigung, wir reißen Ihr Haus jetzt ab. Hier kommt jetzt ein Wohnsitz für einen Funktionär hin“, dann werden sie gehorsam ihre Sachen packen und auf die Straße gehen. Und sie werden da so lange sitzen bleiben, bis die Regierung ihnen sagt, wie es weitergeht. Sie sind vollkommen amorph - das ist sehr traurig.

          Nachdem ich fast ein halbes Jahr im Untersuchungsgefängnis verbracht habe, ist mir klargeworden, dass das Gefängnis Russland im Miniaturmaßstab ist. (. . .)

          Für mich trifft das Wort „sogenannt“ nur auf diesen Prozess zu. Und ich habe keine Angst vor Ihnen. Ich fürchte mich nicht vor den Lügen und Erdichtungen, dem schlecht kaschierten Betrug im Urteil des sogenannten Gerichts. Denn Sie können mich zwar der sogenannten Freiheit berauben, die es in Russland gibt (und nur eine solche gibt es in der Russischen Föderation), aber meine innere Freiheit kann mir niemand mehr nehmen.

          Sie lebt im Wort; sie wird dank der Öffentlichkeit leben, wenn Tausende von Menschen es lesen und hören werden. Diese Freiheit setzt sich bereits mit jedem nicht gleichgültigen Menschen fort, der uns in diesem Land hört; mit allen, die einen Splitter des Prozesses in sich selbst finden, so wie früher Franz Kafka und Guy Debord.

          Ich glaube, dass gerade Ehrlichkeit und Öffentlichkeit, der Durst nach Wahrheit, uns ein wenig freier machen werden. Wir werden das erleben.

          Quelle: http://echo.msk.ru/blog/alekhina/917781-echo/

          Nadjeschda Tolokonnikowa

          Im Grunde genommen wird in diesem Prozess nicht über die drei Sängerinnen der Gruppe Pussy Riot verhandelt. Wäre es so, dann hätten die Vorgänge hier absolut keine Bedeutung. Dies ist eine Verhandlung über das gesamte Staatssystem der Russischen Föderation, das zu seinem eigenen Unglück in seiner Grausamkeit gegen die Menschen, seiner Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Ehre und Würde, so gern das Schlimmste zitiert, was in der russischen Geschichte je geschehen ist. Diese Imitation eines Gerichtsverfahrens kommt dem Muster der „Gerichtstroiken“ der Stalinzeit nahe. Auch hier gibt es einen Ermittler, einen Richter und einen Ankläger. Und die politische bestellte Repression, die die Worte, Handlungen und Entscheidungen aller drei von vornherein bestimmt. (. . .)

          Wir machen unsere politischen Punk-Konzerte, weil im russischen Staatssystem Erstarrung, Abschottung und Kastengeist herrschen und die Politik nur engen korporativen Interessen unterstellt ist - so sehr, dass allein schon die russische Luft uns krank macht. (. . .)

          Trotz der autoritären Situation und des autoritären politischen Systems stelle ich jedoch fest, dass dieses politische System in gewissem Sinn scheitert. Das System scheitert in Bezug auf die drei Mitglieder von Pussy Riot, weil seine Rechnung nicht aufgegangen ist. Zu seinem Bedauern werden wir nicht von ganz Russland verurteilt; immer mehr Menschen glauben uns und glauben an uns. Sie sind überzeugt, dass wir in Freiheit und nicht hinter Gitter gehören. Ich sehe das an den Menschen, denen ich begegne. Das sind Menschen, die dieses System repräsentieren und in seinen Institutionen arbeiten, oder Menschen, die inhaftiert sind. Von Tag zu Tag unterstützen uns immer mehr; sie wünschen uns alles Gute und baldige Freiheit und sagen, dass unsere politische Performance berechtigt war. Immer öfter erzählen uns Menschen, dass sie sich zunächst auch gefragt haben, wie wir das nur tun konnten. Und täglich wächst die Anzahl derer, die uns sagen: „Mit der Zeit ist mir klargeworden, dass eure Aktion richtig war. Ihr habt die Geschwüre dieses politischen Systems bloßgelegt und in das Schlangennest gestochen, dass jetzt über euch herfällt, und wir . . .“

          Wissen Sie noch, wofür der junge Dostojewskij zum Tode verurteilt wurde? Seine ganze Schuld bestand darin, dass er sich für sozialistische Theorien begeisterte, dass er in einem Kreis befreundeter Freidenker, der sich freitags in der Wohnung Petraschewskis traf, über Werke von Fourier und George Sand debattierte und dass er bei einem der letzten Freitagstreffen Belinskijs Brief an Gogol vorgelesen hatte - einen Brief, der nach Feststellung des Gerichts (Achtung!) von „frechen Ausdrücken gegen die orthodoxe Kirche und die oberste Staatsmacht“ strotzte. Nachdem alle Vorkehrungen zur Hinrichtung getroffen worden waren, nach „zehn schrecklichen, unermesslich grauenhaften Minuten in Erwartung des Todes“ (Dostojewskij) wurde die Umwandlung des Urteils in vier Jahre Zwangsarbeit mit anschließender Militärdienstpflicht bekanntgegeben.

          Quelle: http://echo.msk.ru/blog/tolokno_25/917702-echo/

          Die Statements werden hier in gekürzter Form dokumentiert. Aus dem Russischen übersetzt von Anselm Bühling und Anna Schibarowa.

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