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Dokumentation : Keine Reue - aus den Schlussplädoyers von Pussy Riot

  • Aktualisiert am

Die drei angeklagten „Pussy Riot“-Mitglieder Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Jekaterina Samuzewitsch Bild: Prozess gegen Pussy Riot/AFP

Die drei angeklagten Musikerinnen geben nicht klein bei. In ihren Ausführungen vor Gericht bleiben sie ihrer regimekritischen Haltung treu. Wir dokumentieren Auszüge aus ihren Schlussplädoyers.

          Jekaterina Samuzewitsch

          Normalerweise wird erwartet, dass Angeklagte im Schlusswort Reue zeigen, die begangene Tat bedauern oder mildernde Umstände aufzählen. Bei mir und bei meinen Kolleginnen ist das absolut unnötig. (. . .)

          Unser plötzlicher musikalischer Auftritt in der Christi-Erlöser-Kathedrale mit dem Lied „Muttergottes, vertreibe Putin“ hat das von der Macht über lange Zeit aufgebaute und genährte Medienimage beschädigt und seine Verlogenheit offensichtlich gemacht.

          Mit unserer Aufführung haben wir es gewagt, das visuelle Bild der orthodoxen Kultur ohne den Segen des Patriarchen mit der Protestkultur in Verbindung zu bringen, damit gescheite Menschen auf die Idee kommen, dass die orthodoxe Kultur nicht nur der russisch-orthodoxen Kirche, dem Patriarchen und Putin gehört. Sie kann auch auf Seiten der bürgerlichen Rebellion und der Proteststimmungen in Russland stehen. (. . .)

          Einerseits rechnen wir jetzt mit einem Schuldspruch. Im Vergleich zum Justizapparat sind wir nichts; wir haben verloren. Andererseits haben wir gewonnen. Die ganze Welt sieht jetzt, dass das Strafverfahren gegen uns manipuliert ist. Das System kann den repressiven Charakter dieses Prozesses nicht verbergen. Wieder einmal sieht Russland in den Augen der Weltgemeinschaft anders aus, als Wladimir Putin es bei seinen täglichen internationalen Begegnungen darstellen möchte. Alle von ihm versprochenen Schritte auf dem Weg zum Rechtsstaat sind ganz offenkundig nicht vollzogen worden. Und seine Erklärung, dass das Gericht in unserem Verfahren objektiv vorgehen und eine gerechte Entscheidung treffen wird, ist eine weitere Täuschung des ganzen Landes und der Weltgemeinschaft. Das ist alles, danke.

          Quelle: http://echo.msk.ru/blog/katia_samutsevich/919087-echo/

          Marija Aljochina

          (. . .) Interessant an der von uns initiierten Situation ist, dass sie von Anfang an entpersonalisiert war. Wenn wir von Putin reden, meinen wir nicht in erster Linie die Person W. W. Putin, sondern Putin als das von ihm selbst erschaffene System - die praktisch vollkommen von einer Hand gelenkte Machthierarchie. In dieser Hierarchie wird die Meinung der Masse und - was mir am meisten Sorgen macht - die Meinung der jungen Generation nicht im Geringsten berücksichtigt. Wir meinen, dass die Ineffektivität dieser Leitung praktisch überall offensichtlich ist. (. . .)

          Ich möchte anmerken, dass unser Prozess sehr eindrücklich bestätigt, dass es Tausender von Menschen auf der ganzen Welt bedarf, um das Offensichtliche zu beweisen. Nämlich, dass wir alle drei nicht schuldig sind. Wir sind nicht schuldig, davon spricht die ganze Welt. Sie spricht davon auf Konzerten, im Internet, in der Presse. Und sie spricht davon in Parlamenten. Der englische Premierminister unterhält sich mit unserem Präsidenten zur Begrüßung nicht über die Olympischen Spiele, sondern fragt ihn: „Weshalb sitzen drei unschuldige Mädchen im Gefängnis? Das ist eine Schande.“ (. . .)

          Diese Leute haben aufgehört, sich als Bürger zu fühlen. Sie fühlen sich einfach als automatische Massen. Sie haben nicht einmal das Gefühl, dass ihnen der Wald direkt neben ihrem Haus gehört. Ich bezweifle sogar, dass sie ihr eigenes Haus als ihren Besitz betrachten. Denn wenn jemand mit dem Bagger am Hauseingang dieser Leute vorfährt und ihnen sagt, dass sie das Feld räumen müssen: „Entschuldigung, wir reißen Ihr Haus jetzt ab. Hier kommt jetzt ein Wohnsitz für einen Funktionär hin“, dann werden sie gehorsam ihre Sachen packen und auf die Straße gehen. Und sie werden da so lange sitzen bleiben, bis die Regierung ihnen sagt, wie es weitergeht. Sie sind vollkommen amorph - das ist sehr traurig.

          Nachdem ich fast ein halbes Jahr im Untersuchungsgefängnis verbracht habe, ist mir klargeworden, dass das Gefängnis Russland im Miniaturmaßstab ist. (. . .)

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