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Doku über Donald Rumsfeld : Wo ist ein Gegner für den Krieg?

20.000 Tagesbefehle: In „The Unknown Known“ liest Donald Rumsfeld aus seinen Memos für Errol Morris. Bild: CapFSD/face to face

Donald Rumsfeld hat Amerika als Verteidigungsminister in die Kriege in Afghanistan und im Irak geführt, die Folterungen von Abu Ghraib fallen in seine Amtszeit. Berüchtigt sind seine 20.000 Memoranden. Im Dokumentarfilm „The Unknown Known“ liest er aus ihnen vor.

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          Im Jahre 2003 gewann der Dokumentarfilmer Errol Morris einen Oscar für „The Fog of War“, die Konfessionen von Robert McNamara, dem amerikanischen Verteidigungsminister, der für die Präsidenten Kennedy und Johnson den Krieg in Vietnam plante.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der frühere Ford-Manager verkörpert die Hybris eines technokratischen Regierungsstils, die für die sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts charakteristische Illusion, die Staatsgeschäfte ließen sich nach den Organisationsregeln eines Großunternehmens führen.

          Für seinen neuesten Film hat Morris einen der Nachfolger McNamaras 33 Stunden lang ins Kreuzverhör genommen. Donald Rumsfeld hatte als Stabschef im Weißen Haus von Gerald Ford die Erniedrigung der Preisgabe von Saigon miterlebt und plante für George W. Bush die Kriege im Irak und in Afghanistan. Die Vermutung, es habe keinen Plan für die Befriedung des eroberten Irak gegeben, weist er heute noch ebenso entschieden zurück wie vor elf Jahren in seinen legendären Pressekonferenzen im Pentagon.

          Stündliche Befehle von der Oberkommandobrücke

          Rumsfeld war zweimal Verteidigungsminister, von 1975 bis 1977 und von 2001 bis 2006. Bei ihm folgte die Karriere in der Privatwirtschaft auf den Aufstieg im Staatsdienst: Er übernahm nach Fords Abwahl die Leitung eines Pharmaunternehmens, das acht Jahre später von Monsanto gekauft wurde.

          Der Rückkehr der Vereinigten Staaten zu einer revolutionären Außenpolitik unter dem zweiten Präsidenten Bush entsprach auf der bürokratischen Innenseite des Weltmachtapparats die Wiederbesinnung auf die Doktrin des revolutionären Managements, deren Übertragung auf die Staatsorganisation schon einmal gescheitert war.

          Mit behaglichem Stolz, der angesichts der desaströsen Bilanz der Bush-Regierung makaber wirken muss, verliest Rumsfeld auf Bitten von Morris die Losungen, die der Pentagon-Revolution die Richtung weisen sollten: Tagesbefehle von der Oberkommandobrücke, die unpraktischerweise oft im Stundentakt herausgingen.

          Führungskraft ohne wirklich kühne Schritte

          20000 solcher Memoranden soll Rumsfeld als Kriegsressortchef unter Bush in sein Diktiergerät gesprochen haben. Diese Art von Produktivität scheint schwer vereinbar mit dem Ruf der Effizienz, in dem der unternehmerische Behördenleiter stehen muss. Kokett gibt Rumsfeld vor, im Rückblick über seinen Papierausstoß erstaunt zu sein: „Ich weiß nicht, wo all die Worte hergekommen sind.“

          Und doch lässt sich hinter der literarischen Verausgabung eine Taktik der Austerität ausmachen: Der Chef versah in Personalunion die Funktion eines Unternehmensberaters. Er begnügte sich nicht mit dem Abzeichnen von Einsatzplänen und Budgetentwürfen, sondern fügte diesen Entscheidungen fortlaufende Kommentare auf der metaoperativen Ebene bei, Ausarbeitungen mit Überschriften wie „Strategische Gedanken“. Ohne einen einzigen Fehler einzuräumen, kann Rumsfeld zu verstehen geben, er habe alle möglichen Fehlentwicklungen im Voraus aktenmäßig fixiert.

          Verteidigungsminister Donald H. Rumsfeld besichtigt 2004 das Militärgefängnis in Abu Ghraib. Ein Untersuchungsausschuss nannte ihn als Verantwortlichen des Folkterskandals.

          Ein Memorandum aus dem Oktober 2003 knüpfte an die Schwierigkeiten des Besatzungsregimes im Irak die Frage nach Reformen der Entscheidungsabläufe in Washington. „Verändert sich das Verteidigungsministerium schnell genug? Oder sind die Veränderungen zu allmählich?“ Kritisch merkte der Minister zur Führungstätigkeit des Ministers an, „wirklich kühne Schritte“ seien bislang ausgeblieben.

          Kriegsziele, ohne den Gegner zu kennen

          Rumsfeld hält sich für originell. Er nimmt es als Kompliment, dass seine Gegner ihn als Sentenzenschmied verhöhnen. „Stuff happens“? Das ist eigentlich urkomisch! Im Pentagon gab es sogar Aphorismen für den Dienstgebrauch: „Rumsfelds Regeln“. Seine Memoiren, „Known and Unknown“ betitelt, zitieren dasselbe seiner geflügelten Worte wie der Titel des Films von Morris, „The Unknown Known“.

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