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„Doktor Schiwago“ als Oper : Russenkitsch schlägt Eurotrash 1:0

  • -Aktualisiert am

Immer laut, immer offensiv: Szene aus „Doktor Schiwago“ Bild: Jochen Quast

Kulturweltkrieg am Theater Regensburg: Anton Lubtschenkos Oper „Doktor Schiwago“ zitiert die großen Meister im Kampf gegen europäischen Kulturschwund. Ertrag: Ein musikalisches Potpourri ohne Zusammenhang.

          Alle gesunden Kulturen ähneln einander, jede durchknallende Kultur knallt auf ihre jeweils ureigene Weise durch. Das Theater Regensburg, das soeben die neue Oper des russischen Dirigenten und Musikvielschreibers Anton Lubtschenko „Doktor Schiwago“ zur Uraufführung brachte, machte sich damit auch zum Schauplatz des derzeitigen kalten Kulturkriegs zwischen Russland und Europa. Lubtschenko, der das Operntheater in Wladiwostok leitet und mit der Regierung, der Patriarchatskirche und mit Gasprom bestens vernetzt ist, hat mit seinen 29 Jahren bereits sieben Symphonien, drei Opern, fünf Ballettmusiken, acht geistliche Werke und eine dreiteilige symphonische Dichtung über die vaterländische Gaswirtschaft verfasst.

          „Doktor Schiwago“, sein viertes, im Auftrag von Regensburg komponiertes Musikdrama, liege ihm deswegen so sehr am Herzen, bekennt der Maestro, weil es sich dabei um ein Liebessujet handle, das zugleich ein Höchstmaß an politischer Realgeschichte enthalte. Außerdem sei Pasternaks Dichtung ein klassisches Meisterwerk, das in einer Zeit, da ein trashsüchtiges Europa die russische Kultur wo immer möglich niedermache, ihm das wahre Russland vor Augen führen könne.

          Zugleich bekennt Lubtschenko sich zu einer Ästhetik des Gefühls, die den Russen angeblich näherstehe als die seiner Ansicht nach verkopfte Tonsprache der deutschen Avantgardisten von Rihm bis Lachenmann. Das liebende Paar im Zentrum seiner Oper, deren Libretto der Musiker selbst kompilierte, wird durch Krieg und Bürgerkrieg, Revolution und familiäre Verpflichtungen auseinandergerissen. Doch in der Klangsprache, in der sich das vollzieht, sucht man Schock- und Verwundungsspuren vergebens.

          Hochprätentiöse Klangtapeten

          Es ist eine schamlos bombastische Mixtur aus Klassikklischees, Stilisierungen und Zitaten, was nach Lubtschenko allerdings genau seiner Mission als der Speerspitze der neurussischen Renaissance entspricht. Deren Ziel ist es nämlich, die Großen, die das verdient hätten - Tschaikowsky, Prokofjew, Mussorgski, Rachmaninow -, auferstehen zu lassen und ihre ungebrochene Kraft zur sinnlichen Sinnstiftung auch für uns Heutige zu nutzen. Dass „Doktor Schiwago“ nach dem Willen seines Schöpfers nur auf Russisch gespielt werden darf, erscheint fast selbstverständlich.

          Lubtschenko arbeitet extensiv wie die russische Rohstoffwirtschaft, gleichsam in Bruttoregistertonnen. Sein neues Dreistundenwerk erfordert fünf Tenorpartien, die offenbar dem hysterisierten Männertyp der Zeit entsprechen, weshalb in Regensburg auch vier Gastsolisten auftreten, zwei aus dem Petersburger Mariinsky-Theater, zwei aus Lubtschenkos Wladiwostoker Haus. Der Arzt Schiwago, gesungen vom majestätisch-sonoren Mariinsky-Bariton Wladimir Baikow, begegnet, als er verwundet im Militärhospital liegt, in seiner Pflegerin der ihm vom Liebesschicksal vorbestimmten Lara, deren lyrisch dramatische Sopranpartie die Regensburger Diva Michaela Schneider famos bestreitet. Die Folge von neun über fünfundzwanzig Jahre verteilten Szenen, wo die beiden einander wiederfinden und wieder verlieren, vergegenwärtigt Ausstatter Helmut Stürmer durch eine Liftkonstruktion in der Bühnenmitte, die abtretende Epochen und Figuren effektvoll in der Versenkung verschwinden lassen kann, während der äußere Drehbodenmechanismus die solistischen Theatertoten der jeweiligen Epoche entsorgt.

          Lubtschenkos musikalisches Element ist die Klangtapete. Wie ein Basso continuo durchziehen die Partitur motorisch pulsierende, durch Bläser- oder Schlagzeugakzente synkopisch strukturierte Patternpassagen und vergegenwärtigen die wie die Eisenbahn davoneilende Zeit - eine symphonisch angefettete Antwort auf Philipp Glass. Die solistischen wie chorischen Einlagen sind dann à la Prokofjew, Tschaikowsky, Strawinsky als Kirchengesang oder Volkslied gearbeitet; ein sadistischer Kommissar singt gar eine Bach-Fuge, aber immer laut, offensiv, mit Mut zum Pathos. Gepaart mit der behaupteten Tragik des Stoffes, zwingt der emotional hochprätentiöse Dauerbeschuss mit musikalischem Namedropping jedes Publikum in die Knie. Doch diese Musik ist durch nichts motiviert, keine Nervenbahnen, keine Blutgefäße, nichts Organisches verbindet ihre einzelnen Teile. Was diese Musik gegen die von Adorno diagnostizierte Amusia aufbietet, klingt wie eine Therapie von Frigidität durch Sexspielzeuge.

          Posse um Regisseur Purcărete

          Lubtschenko stilisiert sich indes selbstbewusst zum Botschafter von Russlands Traditionsverehrung, die es zur natürlichen Verteidigungsbastion mache gegen die sinnlos Autoritäten zertrümmernde Trashkultur des Westens. Deswegen statuierte er an Regisseur Silviu Purcărete ein Exempel, der bei einer Liebesbegegnung der Helden Wodka auf den Tisch stellen wollte und erwogen hatte, auf das durch die Szenenfolge geisternde Pasternak-Porträt am Schluss jemanden unabsichtlich treten zu lassen - für Lubtschenko gezielte Versuche, Russland in den Dreck zu ziehen.

          Als Autor und Dirigent drohte er, die Premiere platzen zu lassen, sagte das geplante Gastspiel der Produktion in Wladiwostok ab und wollte Purcărete, der angeblich beabsichtigte, gegen seine, Lubtschenkos, Urheberrechte an dem Stück zu verstoßen, vor Gericht ziehen. In Moskau holte er sich Rückendeckung bei der neben Frauen und Soziales auch die Kultur protegierenden Vize-Premierministerin Olga Golodez, die den Regensburger Beinaheskandal sogleich als beispielhaft für viele russische Kulturveranstaltungen im Ausland erkannte, die „gewisse Kreise“ politisch zu stören versuchten, die aber das Publikum stets begeisterten.

          Lubtschenko ist in seiner Heimat nicht als Antialkoholiker aufgefallen. Doch der von ihm mitgetragene Kulturbegriff des Kremls glaubt an Tarnkostüme. In Regensburg wurde, nicht gerade realistisch, Wodka durch Wein ersetzt. Und das Publikum jubelte am Ende wirklich. Schüchterne Buhrufer wurden von der Menge einfach überschrien.

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