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Documenta11-Gespräch : Bazon Brock: „Man sieht nur, was man weiß“

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Bazon Brock beim „Bilderstreit”

Bazon Brock beim „Bilderstreit” Bild: SWR

Die „Besucherschulen“ des Wuppertaler Professors Bazon Brock zeigen Wege zum Verständnis zeitgenössischer Kunst.

          4 Min.

          Der Besucherdienst der Documenta11 ist in die Kritik geraten. Vorgeworfen wurde, dass Führungen monopolisiert und zur Propaganda der Ausstellung instrumentalisiert würden. FAZ.NET wollte wissen, wie man das Publikum besser an neue Inhalte der Kunst heranführt, und sprach mit dem Begründer institutionalisierter Besucherbetreuung, Bazon Brock. 1968 hatte er auf der Documenta IV eine „Besucherschule“ begründet, die zum Ziel hatte, das Publikum visuell zu alphabetisieren, Erwartungen und Neugier zu wecken. Der 1936 geborene Kulturvermittler studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften. Zuletzt lehrte Brock Ästhetik an der Fachhochschule Wuppertal. Sein „Bilderstreit“ auf 3sat ist zur Zeit die einzige Talkshow zur zeitgenössischen Kunst im deutschen Fernsehen.

          Herr Brock, Sie sind ein Profi im Vermitteln zeitgenössischer Kunstästhetik. „Man sieht nur, was man weiß“ lautet eine alte Einsicht der Kunstbetrachtung. Wie verführt man Besucher von Kunstausstellungen wie der Documenta11 heute zu mehr Wissen und Urteilsfähigkeit?

          Der Grundgedanke der Moderne geht ja von der Gleichgewichtigkeit zwischen Produktion und Rezeption, zwischen Produzieren und Konsumieren aus. Das ist in der Wirtschaft so, und das ist in der Wissenschaft so. Es muss also die Voraussetzung geschaffen werden, dass auf der Seite der Nachfrage urteilsfähige Menschen vorhanden sind. Urteilsfähig wird man nur durch das Erkennen von Differenzen. Alle Bedeutung, die die Dinge haben, liegt ja in ihrer Unterscheidbarkeit. Also kommt es darauf an, im Wirtschaftsleben diese Parität von Produktion und Rezeption, oder besser von Konsum, wie es dort heißt, herzustellen. Das macht man, indem man Zeitschriften wie „DM“ oder „Test“ etabliert. In denen lernt der Konsument Waren auf bestimmte Kriterien hin zu unterscheiden. Erst dann kann er als Markteilnehmer mit begründeten Urteilen in Erscheinung treten.

          Dasselbe machen wir innerhalb der Kultur. Von der Alphabetisierung angefangen; es hat ja keinen Sinn, Literatur zu produzieren, wenn es keine alphabetisierten Leser gibt. Also müssen Voraussetzungen auf der Seiten der Adressaten, der Leser, der Betrachter geschaffen werden. Die „Besucherschule“ ist die jüngste Form der Etablierung von institutionellen Maßnahmen zur Professionalisierung der Betrachter und ist somit also der Partner der Künstler.

          Handelte es sich bei der auf der Documenta IV 1968 eingerichteten „Besucherschule“ also um eine Art visuelles Alphabetisierungsinstitut?

          Sie wirkte dem visuellen Analphabetismus entgegen. Und das ist ja bis heute besonders wichtig, weil ja Visuelles und Akustisches die wichtigsten Leitmedien sind.

          Gab es für diese Institution Vorbilder?

          Es gab eigentlich nur die 20er-Jahre-Bewegung, für die etwa Brecht steht. Mit seiner Aussage, man müsse aus einer kleinen Zahl von Kennern eine große Zahl von urteilsfähigen Betrachtern machen. Das war die Maxime von Brecht. Es gab seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts im visuellen Bereich außerdem die Volkshochschulbewegung, die breite Bevölkerungsschichten an kulturelles Wissen heranführen wollte, nach dem Motto „Wissen ist Macht“. Aber das Besondere der „Besucherschule“ ist, dass das nicht nur von außen kommende Maßnahmen sind, sondern „Besucherschulen“ Teil der Ausstellung sind, in der sie als Ganzes im Modell, in Begriffen, in Darstellungen enthalten sind. Man trainiert anhand dieses Modells der gesamten Ausstellung, das Ganze zu erfassen. Das hat den Vorteil, dass man niemanden in der Ausstellung selbst stört.

          Die „Besucherschule“ hat also ihren eigenen Ort? Sie trainieren nicht vor den Originalen, sondern vor einem Modell?

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