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Documenta11 : Diskutiert wird woanders - Wer die D11 vermitteln darf

  • -Aktualisiert am

Documenta-Guide Kerstin Hallmann im Fridericianum Bild: dpa

Wer auf der Documenta11 führen darf, bestimmt die D11 selbst. Zu Recht, denn 120 trainierte Guides kennen alle Details und Hintergründe.

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          Jeder vierte Besucher der Documenta11 in Kassel begibt sich in die Obhut eines offiziellen Documenta-Guides. Weil viele Beiträge den meisten wenig sagen, lauschen Kunsttouristen gern in Gruppen von bis zu 15 Personen eigens ausgebildeten Kunstvermittlern. Andere Experten sind in den Ausstellungsräumen als Gruppenführer nicht zugelassen. Daran wollten sich einige Frankfurter nicht halten. Nun kam es zum Streit.

          Angereist war der ehrwürdige Frankfurter Museumsverein des Städelschen Kunstinstituts. Unter Stephan Mann, Museumsdirektor in Goch, wollte der Verein die Documenta11 mit eigener Führung genießen. Doch dann wurde die Veranstaltung abgebrochen. „Es fühlt sich jeder Kunstvereinsleiter der Welt berufen, die documenta vorzustellen“, klagt der Geschäftsführer der D11, Bernd Leifeld. „Diese Gruppen versperren die Räume und schreien durch die Gegend.“ Diskussionen sollen nicht gänzlich unterbunden werden, aber in größeren Gruppen sollen sie bitte woanders stattfinden, da Einzelbesucher sonst gestört werden.

          Erstaunlich rigoros und ungastlich klingen diese Statements von Seiten der Documenta-Leitung. Kann sich die D11 den freien Umgang mit der dargebotenen Kunst nicht leisten? Wird hier einer „kritischen Rezeption“, wie Stephan Mann vermutet, Einhalt geboten? Soll den Besuchern am Ende gar eine offizielle Sicht auf die junge Kunst unserer Tage aufgezwungen werden?

          Erst Wissensvermittlung, dann kritische Reflexion

          Jan Hoet, Leiter der documenta 9 1992, findet das offenbar nicht. Er ließ sich mit seiner Museumsgruppe aus Herford, wo der Belgier derzeit ein neues Museum aufbaut, gern durch die Binding Brauerei und das Fridericianum führen. Über 80 Mitreisende hätte er allein sowieso nicht durch die engen, meist auch noch dunklen Kammern leiten können. Überdies ist auch diesem Kunstexperten nicht jeder Teilnehmer bekannt, nicht jeder Zusammenhang unmittelbar geläufig. Diskutiert hat er das, was man gemeinsam gesehen und erfahren hatte, nach der Führung auf dem Rasen vor der Documentahalle.

          Um alle Zusammenhänge einer so großen Kunstveranstaltung zu verstehen, muss man sich mit jedem der über 100 Künstler auseinandersetzen und alle Beiträge wiederum gedanklich mit dem Grundkonzept der Ausstellung - Globalisierung im Zeitalter des Postkolonialismus - verknüpfen. Das setzt viel Lesearbeit voraus, zahlreiche Künstlergespräche und einen engen Kontakt mit dem Kuratorenteam der D11. Diese Vorarbeit haben 120 junge Wissenschaftler in wochenlangem Training geleistet. Sie sind Kunsthistoriker, Politikwissenschaftler oder Soziologen und wurden von dem ebenfalls noch jungen Berliner Ausstellungsbüro „x:hibit“ lange vor Beginn der Ausstellung ausgewählt.

          Kunstvermittlung ist Teil des Konzeptes

          Der Besucherdienst der D11 ist fast täglich mit Beschwerden über das rigorose Verhalten seiner exklusiven Vermittlung konfrontiert, wie Katharina Schenk von „x:hibit“ berichtet. Meist können die Besuchergruppen aber gleich besänftigt werden, wenn sie merken, wie gut sie betreut werden. Dass dies in der Regel so ist, bestätigt auch der Neue Aachener Kunstverein, der als einer der engagiertesten im Land schon zum zweiten Mal von der Tochter eines prominenten Bildhauers, Olav Metzel, über die documenta geführt wurde. „Der Besucherdienst,“ findet Kunstvereinsleiterin Brigitte Tietz, „ist Teil des Ausstellungskonzeptes. Die gut informierten Führer bringen einem Ideen und Hintergründe des Kuratorenteams näher. Vieles würde man sonst gar nicht erfahren.“

          Der Wuppertaler Kunstprofessor Bazon Brock hatte 1972 eine „Besucherschule“ für die documenta ins Leben gerufen. Seit der d9 von Jan Hoet ist dieser Dienst am Kunst-Kunden ausgegliedert worden. Immer wichtiger wird er als Inhaltsvermittler aufgefasst und keineswegs als Wirtschaftsfaktor: von den 70 Euro, die eine Führung kostet, gehen 35 Euro an den Kunstvermittler. Ohne deren Intervention bliebe die Veranstaltung für die meisten Besucher über weite Strecken stumm. So aber haben sie das Rüstzeug zu angeregter Diskussion. In Gruppen aber bitte nach dem Besuch.

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