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Kommentar zu Kulenkampff : Documenta-Opfer

  • -Aktualisiert am

Verdiente Managerin: Annette Kulenkampff (links) mit Kurator Adam Szymczyk am 17. September, dem letzten Tag der Documenta Bild: dpa

Nach dem Millionendefizit räumt Documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff ihren Posten. Damit wird das Ansehen der Weltkunstschau nur weiter beschädigt.

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          Sie ermöglichte zwei Documentas (fast) zum Preis von einer: So könnte das Vermächtnis von Documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff lauten. Die langjährige Geschäftsführerin des Verlags Hatje Cantz übernahm Mitte 2014 eine schon in Vorbereitung befindliche Doppelausstellung mit einer unterfinanzierten Geschäftsstelle, einem waghalsigen Konzept, einem widerständigen Kurator und einem Veranstaltungsort voller Unwägbarkeiten, für den es keine Erfahrungswerte gab: Athen. Und was immer man vom kuratorischen Konzept oder den gezeigten Werken halten mag, ist es doch kaum zu glauben, dass zur Finanzierung der Doppelschau am Ende nicht mehr als 5,4 Millionen Euro fehlten – ein Betrag, der eher zeigt, wie günstig die bedeutendste Kunstausstellung der Welt im Vergleich zu anderen Kultureinrichtungen ist.

          Geht es aber nach dem Wunsch von Kulenkampffs Arbeitgeber, der Stadt Kassel, die nach einer Magistratssitzung am Montag eine vorzeitige Vertragsauflösung zu Ende Mai 2018 verkündete, soll Kulenkampffs Vermächtnis lauten: Sie hatte die Zahlen nicht im Blick, informierte den Aufsichtsrat ungenügend und hat das Defizit zu verantworten.

          Möchte reinen Tisch: Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD)
          Möchte reinen Tisch: Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) : Bild: dpa

          Die erste Version des Vermächtnisses wäre leicht zuzulassen gewesen: Dafür hätte Kulenkampffs Vorgesetzter, der frisch angetretene Kasseler Oberbürgermeister Christian Geselle, rechtzeitig auf ihren Brandbrief reagieren müssen, in dem sie ihn darüber unterrichtete, dass wegen der zurückgehenden Besucherzahlen ein Defizit drohe. Dafür hätte Geselle die Ergebnisse des Berichts der Wirtschaftsprüfer von PWC respektieren müssen, der allem Anschein nach erschöpfende Erklärungen für das Defizit liefert (vor allem gestiegene Sicherheits-, Transport-, und Personalkosten), aber keine Grundlage für ein Verdachtsmoment, das eine Entlassung rechtfertigen würde, wie Täuschung, Veruntreuung oder Desinformation. Und dafür hätte er nicht Frau Kulenkampff mit einem Schweigegebot isolieren dürfen, das sie notgedrungen in dieser Zeitung brach, um den grassierenden Verdächtigungen entgegenzutreten. Sprich: Geselle hätte auf Fachleute hören sollen, statt eine verdiente Managerin durch Zermürbung in ein „beiderseitiges Einvernehmen“ zu treiben.

          Nun muss die nächste künstlerische Leitung gewonnen werden, während die Geschäftsführung ausgetauscht wird. Der Aufsichtsrat ist gespalten, das Vertrauen zwischen Stadt und Land auf der einen und dem Bund, der für Kulenkampff eintrat, auf der anderen Seite zerstört. Dabei hatte Geselle noch im September die Idee ins Spiel gebracht, der Bund könnte als dritter Gesellschafter einsteigen. Vor allem aber haben Stadt und Land es zugelassen, dass das Ansehen der Documenta schwer beschädigt wurde.

          Geselle gab an, er verstünde Leute, die sich beklagten, dass nun Geld für die Kitas fehle. Es fehlt aber kein Geld für die Kitas. Geselle rechnet nach der erfolgreichen Arbeit seines Vorgängers Bertram Hilgen mit einem Steuerüberschuss von 13,3 Millionen Euro. Vielleicht glaubt Christian Geselle ja, eine Documenta ließe sich führen wie eine Kita.

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