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Documenta-Enttäuschung : Rückkehr zur Tradition - Luc Tuymans' Beitrag zur D11

  • -Aktualisiert am

Luc Tuymans, Altar, 2002 Bild: Luc Tuymans

Luc Tuymans gilt als einer der herausragendsten Maler der Gegenwart in Europa. Auf der d11 enttäuscht seine Kunst.

          Maler sind auf der Documenta11 nur wenige vertreten. Neben der eher klassisch arbeitenden Schwedin Cecilia Edefalk sind dies zwei New Yorker Künstler, die das Gemälde collagierend ergänzen und installativ erweitern: der von der Elfenbeinküste stammende Ouattara Watts und der gebürtige Argentinier Fabian Marcaccio. Der vierte im Bunde ist der Belgier Luc Tuymans, der überraschend unpolitische Bilder zeigt.

          Stilleben statt Postkolonialismus

          Luc Tuymans ist einer der wenigen europäischen Maler, die sich an das Thema Postkolonialismus gewagt haben. Auf der Biennale in Venedig 2001 waren Bilder zu sehen, die sich mit der Ermordung des ersten kongolesischen Präsidenten Patrice Lumumba im Jahre 1961 beschäftigten. Genau damit hätte Tuymans in den Themenschwerpunkt gepaßt, den Documenta-Leiter Okwui Enwezor im Vorfeld immer wieder verkündete. Aber was zeigt er uns? Eine Landschaft, ein Porträt, einen Sonnenuntergang und ein die Tradition der Vanitas-Motive aufgreifendes Skelett.

          Luc Tuymans, Dead Skull, 2002

          Gekrönt wird das meist großformatige Ensemble von einem überdimensionalen Stilleben, das wie auf einem fliegenden Teppich durch die übrige Leere der wandfüllenden Leinwand schwebt. In der minutiösen Ausführung kontrastiert das Stilleben mit der schemenhaft andeutenden, die abbildende Fähigkeit der Malerei skeptisch hinterfragenden Darstellungsweise, die für Tuymans typisch ist, und die man bei den anderen Bildern auch findet.

          Auf dem Gemälde „Animation“ sieht man in Überlebensgröße die verschwommenen Umrisse einer Frau, die ein Kind vor sich hält. Ist es die Maria mit dem Christkind? Ein noch größeres Bild zeigt einen Altarraum. Kehrt der Maler zurück zu alten religiösen Werten? Oder versucht er auszuloten, welche Bedeutung die christliche Ikonographie heute noch hat?

          Großformate bleiben blaß

          Mit seinen Lumumba-Bildern gelang Tuymans tatsächlich so etwas wie eine kritische Aktualisierung der Historienmalerei. Aber was sagt es uns Neues, dass man einen Sonnenuntergang oder eine Madonna nicht mehr ungebrochen malen kann? Postmoderne Anführungszeichen hat es schließlich schon genug gegeben. Die bewußte Zurücknahme bis hin zur Negation, die Tuymans durch das Andeuten, Verwischen oder Weglassen erzielt, ist kein Anführungszeichen, sondern der Versuch, Formen und Möglichkeiten der Wahrnehmung von Wirklichkeit in ihrer Differenziertheit und auch Indirektheit adäquat zu erfassen.

          Hier hat Tuymans Nuancen entwickelt, über die auch heute noch vielleicht nur die Malerei verfügen kann. Genau diese Nuancen gehen verloren, wenn der Maler die Formate für ihn ungewöhnlich riesig aufbläht. Eine leere Fläche, die sonst in Spannung zu einem angedeutenden Gegenstand steht, ist nur noch leer, zumal Tuymans auch kein Motiv, keinen Inhalt anzubieten hat, bei dem wirklich etwas auf dem Spiel steht.

          Gerade im Kontext der Documenta11, wo es zahlreiche, auch ästhetisch überzeugende Werke gibt, die sich direkt mit politischen und sozialen Verhältnissen befassen, bleibt Tuymans' Beitrag nicht nur in der Farbgebung blaß. Die implizite Aussage, dass die Kunst die politische Realität nicht mehr einholen kann und sich auf ihre traditionellen Möglichkeiten besinnen sollte, macht wenig Sinn, wenn drumherum genug Werke zu sehen sind, die das Gegenteil beweisen.

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