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Documenta-Empfehlung : Fareed Armaly: Das Kunstwerk Palästina

  • -Aktualisiert am

Rashid Masharawis „Checkpoint” aus Fareed Armalys Installation „From/To” Bild: B. Goedewaagen

Leben im ständigen Ausnahmezustand: Fareed Armaly und Rashid Masharawi bringen den Alltag der Palästinenser auf die Documenta.

          Für die palästinensische Bevölkerung, die nicht in einem zusammenhängenden Territorium, sondern in weit verstreuten Lagern lebt, spielt mangels direkter Begegnungen die mediale Kommunikation eine wichtige Rolle. Fareed Armaly hat die geografische und kommunikative Situation der Palästinenser in ein Kunstwerk übertragen, das erstmals 1999 in einer Rotterdamer Ausstellung und nun auch auf der Documenta11 zu sehen ist. „From/To“ besteht aus einem sich vom Boden aus über mehrere Räume ausbreitenden Wegenetz weißer Streifen, das mit der Kategorie „Rauminstallation“ kaum zu erfassen ist

          50 Minuten an der Grenze

          Die Krise in Nahost wird auch in der Documenta-Installation deutlich reflektiert, nicht zuletzt durch die Beiträge Rashid Masharawis, den Armaly für dieses Projekt eingeladen hat. Der 1962 im Flüchtlingslager Shati im Gaza-Streifen geborene Masharawi ist der einzige Filmemacher, der in den 80er und 90er Jahren in Palästina arbeitete und das Leben in den Lagern in Dokumentar- und Spielfilmen beschrieben hat. Er ist Preisträger mehrerer europäischer Filmfestivals und drehte für die BBC oder Channel 4. Trotz der schweren äußeren Bedingungen lebt Masharawi heute in Ramallah. Sein Thema sei das Leben in Palästina, sagt er selbst, und das könne er nur dokumentieren, wenn er in seiner Heimat bleibt.

          Fareed Armaly

          Masharawis Film „Checkpoint“ besteht aus einer einzigen, ungeschnittenen Einstellung. Der Film entstand am frühen Abend des 11. März 2002. Fünfzig Minuten lang bewegt sich die Kamera langsam durch die wartenden und passierenden Menschen auf der palästinensischen Seite des Kalandia Checkpoints zwischen Ramallah und Jerusalem. Es handelt sich um die letzten Stunden eines Zustandes der Belagerung in Form eines Sicherheitsringes.

          Leben in einer abgeriegelten Stadt

          In den Wochen darauf folgte der größte israelische Militäreinsatz seit der Invasion in Beirut 1982. Auch das zehnminütige Video „Waiting“ spiegelt die schwierige gegenwärtige Situation. Es dokumentiert das Casting für einen Film, den Masharawi eigentlich in Ramallah mit palästinensischen Schauspielern drehen wollte. Wegen der Abriegelung der Stadt durch das israelische Militär konnte der Termin nicht wie geplant stattfinden.

          Masharawi war gezwungen, nach Amman auszuweichen; am 28. Mai dieses Jahres drehte er mit jordanischen Darstellern. Nicht nur Masharawis Werk kann auf Video verfolgt werden. Mit der Installation auf der Documenta11 wird erstmals im Westen ein historischer Überblick über das palästinensische Filmschaffen insgesamt geliefert. In einem „Kino“ konfrontiert Armaly den 1972 in palästinensischen Lagern gedrehten Spielfilm „The Dupes“ von Tewik Salah mit einem kurzen Streifen von Louis Lumière, der 1897 erstmals in Palästina filmte.

          Identität und Grenze

          Vor allem in der amerikanischen Presse wurden Stimmen laut, die Armalys Documenta-Beitrag als einseitige Propaganda bezeichnen und eine entsprechende israelische Position auf der Documenta11 vermissen. Doch auch wenn deutlich für die Palästinenser Partei ergriffen wird, ist „From/To“ alles andere als einseitig. Es ist vielmehr eine komplexe Verflechtung unterschiedlicher Dokumentations- und Inszenierungsformen. Schon biografische Unterschiede lassen ein einheitliches palästinensiches Weltbild gar nicht zu.

          Anders als Masharawi ist Armaly nicht in Palästina geboren, sondern kam als Sohn libanesisch-palästinensischer Eltern im US-Bundesstaat Iowa zur Welt, wo er auch aufgewachsen ist. Er lebt seit einigen Jahren in Deutschland und leitet das Künstlerhaus in Stuttgart. Die Frage, wie sich eine palästinensische Identität überhaupt konstituiert, ist eine der wichtigsten, die Armalys Werk aufwirft. Und das Problem der Identität, das seinerseits mit Grenzen und Abgrenzungen unmittelbar zusammenhängt, wird nicht nur hier, sondern auf der ganzen Documenta11 immer wieder angesprochen. Die Überschreitung oder Unüberschreitbarkeit politischer und sozialer Grenzen ist ihr unterschwelliges Hauptthema.

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