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Museumsverband und Documenta : Kasseler Folgeschäden

Abgehängt in Kassel: das umstrittene Wandbild der Documenta Bild: dpa

Auch unscharfes Denken gefährdet die Kunstfreiheit: Die Präsidentin der deutschen Abteilung des International Council of Museums hat zum Documenta-Skandal eine schlecht redigierte Stellungnahme publiziert.

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          Der eingetragene Verein ICOM Deutschland, der die deutsche Museumslandschaft im International Council of Museums vertritt, hat zum Documenta-Skandal eine Stellungnahme seiner Präsidentin Beate Reifenscheid publiziert, die erhebliche Schwierigkeiten im richtigen Gebrauch der deutschen Sprache of­fenbart.

          Das Anstößige des Bildes „People’s Justice“ von Taring Padi und der Rechtfertigungsversuche der Zuständigen versucht der Text wie folgt zu fassen: „Die Schwere und das Verstörende dieses Kunstwerks liegen in dem offensichtlichen Widerspruch, den die Künstler selbst liefern, als sie am Montag öffentlich verlautbarten, dass die Arbeit ‚keine Inhalte, die darauf abzielen, irgendwelche Bevölkerungsgruppen auf negative Weise darzustellen‘ enthalte. Das Kunstwerk selbst zeigt es anders, denn es setzt Juden und Nazi-Schergen in eins. Das weiß man auch im globalen Süden, der sicherlich andere Narrative ausbildet.“

          Eine Verkettung von Bezugsfehlern

          Wie die Schwere eines Kunstwerks anders als in Kilogramm gemessen werden könnte, wüssten wir nicht zu sagen; hier soll offenkundig nicht das Kunstwerk als schwer klassifiziert werden, obwohl es so dasteht, sondern der Befund einer antisemitischen Emblematik als gravierend. Das „zeigt es anders“ ist ein unbeholfenes Synonym für „beweist das Gegenteil“; richtig wäre allenfalls „zeigt etwas anderes“ gewesen. Und stimmt es, was der dritte oben zitierte Satz behauptet, weiß man auch im globalen Süden tatsächlich, dass „People’s Justice“ Juden und Nazi-Schergen in eins setzt? Das Werk aus dem Jahr 2002 soll im postkolonialen Ausstellungszyklus ja weit herumgereicht worden sein, hier ist indes gemeint: Überall auf der Welt weiß man, dass man Juden und Nazis nicht gleichsetzen darf.

          Die Verkettung von Bezugsfehlern wäre nicht der Rede wert, wäre da nicht das Rezept, das Reifenscheid, im Hauptamt Direktorin des Museums Ludwig in Koblenz, auf ihre schief formulierte Diagnose folgen lässt: „Gerade deshalb wä­ren Diskussionen und Diskurs so dringend erforderlich gewesen.“

          Die fünfzehnte Documenta sollte eine Documenta des entgrenzten Diskurses werden, wollte den Werkbegriff durch Diskussionsprozesse ersetzen. Das ist denkbar gründlich schiefgegangen, aber die Cheflobbyistin der Mu­seumswelt, der Profession, deren Sa­che die kunstgerechte Pflege von Dingen ist, fordert mehr vom selben. Doch was soll im jetzt erst recht forcierten Diskurs herauskommen, wenn diejenigen, die ihn anordnen, keinen geraden Satz zu Papier bringen?

          Der Streit über die Museumsdefinition

          Heftig gestritten über postkoloniale An­liegen wird auch im Weltverband der Museen. Zur Debatte steht die Definition des Museums. ICOM Deutschland steht an vorderster Front der Sektionen, die an der traditionellen Aufgabenbestimmung festhalten: Museen sollen Objekte bewahren, ordnen, zeigen und erklären, nicht Diskurse ku­ratieren. Gegen die Verantwortlichen der Documenta spielt die deutsche ICOM-Chefin nun die Klischees von der Mission der Museen aus, die sie weltverbandsintern be­kämpft: „Die Museen begreifen sich als Zentren kultureller Diskurse und des offenen Dialogs.“

          Solcher Opportunismus mag Funktionärsroutine sein. Aber taktischer Sprachgebrauch hat Kosten. Ohne Not entwickelt Reifenscheid am Kasseler Fall evidenter Volksverhetzung Ad-hoc-Definitionen von Kunst und Kunstfreiheit, sodass ihre Intervention belegt, wie falsche Grammatik und unscharfes Denken zusammengehen. Die Kunst soll sich gegen jedwede „Diskriminierungen“ richten, und ihre Freiheit soll dort aufhören, „wo sie dem anderen schadet“.

          Reifenscheid bemüht sogar Schillers Briefe „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ (Fußnote inklusive) und die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte vom 26. August 1789, um ein „zu Recht hohes Gut unseres westlichen, demokratischen Kunstverständnisses“ begrifflich zu bestimmen, auf das sich die indonesischen Gastkünstler und Gastkuratoren in Kassel angeblich zu Unrecht berufen. Aber der „berühmte Satz“ des vierten Artikels der Menschenrechtserklärung „Die Freiheit besteht darin, dass man alles das tun kann, was einem anderen nicht schadet" müsste für sich genommen heute auch jede Diskussion von Grundrechten jenseits der Kunstfreiheit in die Irre führen. Dürfte die Inanspruchnahme von Menschenrechten niemandem schaden, müsste die Benutzung von Automobilen sofort verboten werden.

          Ist die Kunst, wie Reifenscheid suggeriert, ihrer Natur nach Antidiskriminierung? Oder ist sie vielleicht ganz im Gegenteil zwangsläufig diskriminierend, weil sie Geschmacksunterschiede und Werturteile voraus- und umsetzt? Die Unterordnung der Kunst unter einen globalen Gerechtigkeitsstandard hatte ICOM Deutschland in den Beratungen über die Museumsdefinition zurückgewiesen. Für das Produzieren und Ausstellen von Kunst gelten das Strafrecht und der zivilisatorische Anstand. Aber das heißt nicht, dass Kunst unschädlich sein muss.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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