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Dmitry Glukhovsky geehrt : Im Land der Lügner

  • -Aktualisiert am

Ermuntert zur Zivilcourage: Dmitry Glukhovsky Bild: Picture Alliance

Der russische Schriftsteller Dmitry Glukhovsky wurde vom Magazin GQ zum Autor des Jahres gekürt. Er findet, dass der Titel eher George Orwell und Gianni Rodari gebührt: In ihren Büchern werde Russlands Gegenwart geschildert.

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          Der russische Schriftsteller Dmitry Glu­khovsky, der am Wochenende von der Zeitschrift GQ als Schriftsteller des Jahres ausgezeichnet wurde, bedankte sich dafür mit einer Hommage an George Orwell und den kommunistischen Kinderbuchautor Gianni Rodari. Glukhov­sky, ein Science-Fiction-Autor und un­erschrockener Kritiker des Regimes von Präsident Putin, erklärte bei der vom Fernsehshowstar Iwan Urgant geleiteten Zeremonie, er fühle sich geschmeichelt, doch die Ehrung verdiene nicht er, sondern der leider verstorbene George Orwell, dessen dystopischer Ro­man „1984“ seit dem für Russland schicksalhaften Jahr 2014 die Liste der zehn im Land meistverkauften Bü­cher anführe. Warum, das wisse er nicht, so Glu­khovsky, der die Hälfte seiner Zeit mit der Familie in Barcelona lebt, doch er habe den Verdacht, dass das Volk nicht so dumm sei, wie manche seiner gewählten Vertreter glaubten – die vielleicht gar nicht gewählt wurden, wie er mit Blick auf die offenbar stark manipulierten Dumawahlen hinzufügte und da­mit homerisches Ge­lächter im Zuschauersaal sowie ein leicht gepeinigtes Lä­cheln bei Urgant auslöste.

          Ein anderer Schriftsteller, der den Titel Autor des Jahres verdiene, sei, sagte Glukhovsky, der italienische Literat Gianni Rodari, der leider auch schon verstorben sei, der aber in seinen Bü­chern „Cipollino“ und „Gelsomino im Lande der Lügner“ sehr lustig und sehr präzis geschildert habe, was derzeit in Russland vor sich gehe. Wenn er Kindern aus ihnen vorlese, so könnten die mit dem Lachen gar nicht mehr aufhören. Die Geschichte vom armen Zwiebeljungen Cipollino der im Fabelland der Früchte einen Aufstand der unterdrückten Gemüsesorten gegen den despotischen Fürsten Zitrone und die Obstaristokratie anzettelt, ist insbesondere durch den 1963 entstandenen zauberhaften Trickfilm von Boris Djoschkin in Russland Allgemeingut.

          Wer Dinge beim Namen nennt, kommt ins Gefängnis

          Die Okkupation des Gemüsevolkes durch eine Obstelite sei ein Bild der Gegenwart, erklärte Glukhovsky, wobei mitklang, dass willenlose Menschen auf Russisch oft als Gemüse, durchtriebene hingegen gern als „Früchtchen“ (frukt) bezeichnet werden. Nicht von ungefähr war in Moskau schon vor zwei Jahren die Aufführung des von einer Laientheatergruppe unter dem Regisseur Alexander Tattari erarbeiteten Stückes „Die Abenteuer des Cipollino“ nach Rodari verboten worden. Das satirische Drama, das Anspielungen auf die Ge­genwart enthielt, erschien den Organisatoren des Theaterfestivals „Die jungen für die jungen“ als für eine staatliche Veranstaltung allzu riskant.

          Ebenso aktuell sei Rodaris Mär vom Knaben Gelsomino, der in ein von ei­nem früheren Piraten regiertes Land kommt, wo es unter Strafe steht, die Dinge beim Namen zu nennen, findet Glukhovsky. Wer dort Tinte als Tinte bezeichne statt als Milch, wer Käse Käse nenne und nicht Radiergummi, der komme ins Gefängnis. In diesem Land, wo nur Falschgeld kursiert, informiert man sich durch Fake News aus der Zeitung „Vorbildlicher Lügner“.

          Zumal mit den Dumawahlen sei eine Epoche angebrochen, da in Russland im­­mer mehr Zivilcourage vonnöten sei, um zu tun, was die Mutter einst verlangt habe, nämlich die Wahrheit zu sagen, sich nicht zu verstellen, nicht zu jubeln, wenn andere mit Füßen getreten würden, sagte Glukhovsky, während Ur­gant, der eine Talksendung im Ersten Kanal des Staatsfernsehens leitet, mit zuckenden Mundwinkeln vor ihm liegende Papiere fixierte. Auch wenn viele Mütter ihren Kindern heute eher rieten, mit dem Strom zu schwimmen, nicht aufzufallen, so Glukhovsky, appelliere er daran, vor allem zu beherzigen, was die Mama ihnen in früher Kindheit eingeschärft habe. Wie um mit gutem Beispiel voranzugehen, forderte Glukhov- sky noch Freiheit für die politischen Gefangenen, wozu das Publikum einträchtig applaudierte.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

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