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DJ Alfredo : Tanz oder gar nicht!

  • -Aktualisiert am
Alfredo ist an allem schuld

Alfredo ist an allem schuld Bild: PA

Wo, bitte, geht's nach House: Der Mann, der einst den Rave erfand, hätte gerne seine Ruhe und findet sie nicht. Ein Besuch auf Ibiza bei Alfredo Fiorito alias DJ Alfredo, dem Mann, der an all dem Irrsinn schuld ist.

          6 Min.

          Schlafen ist reine Zeitverschwendung, schließlich gibt es Mittel gegen alles. Die gegen Müdigkeit sind noch lange nicht ausverkauft, Montag mittags auf Ibiza: Keine fünfzig Meter von der Landebahn des Flughafens entfernt, strecken hundert schreiende Tänzer ihre Arme einer Boeing entgegen, die im ohrenbetäubend lauten Sinkflug ihren Schatten über die Tanzfläche des „Circo Loco“ wirft.

          Wer hier, bei 36 Grad im Schatten, in der Sonne tanzt, hat sein Gehirn längst am Eingang abgegeben. Wer hier, im Angesicht seines literweise fließenden Schweißes, Teil der stampfenden Menge wird, will nur noch eines: radikalen Spaß, ohne Rücksicht auf Verluste.

          Rücksprache mit dem Hausarzt hält hier niemand, schon gar nicht die Gruppe zierlicher Spanierinnen, die auf der Tanzfläche ein Fläschchen Lösungsmittel herumreicht, das ursprünglich zur Betäubung von ausgewachsenen Bullen gedacht war. Erlaubt ist, was knallt, und so ist auch Montag abend ein Ende des Wochenendes noch lange nicht in Sicht.

          Wir machen weiter

          Zehn Stunden später sind die Spanierinnen immer noch nicht im Bett; Sven Väth peitscht sie im „Amnesia“ hellwach dem Dienstag morgen entgegen. „Wir sind anders, wir machen weiter“, verkündet eines seiner Stücke, und alle scheinen zu wissen, wo: Um acht Uhr spielt Väth seine letzte Platte, dann geht es tatsächlich weiter, der Autokolonne nach, Richtung „Space“. Weiter und immer weiter, bis irgendwann eine Stimme aus den riesigen Boxen flüstert: „Wir waren so weit wie noch nie.“

          Und da steht er dann, auf der Terrasse des „Space“: DJ Alfredo, fünfzig Jahre alt, der Mann, der an all dem Irrsinn schuld hat. Schuld an Rave, dem Buch, wie dem ungesunden Vergnügen, schuld an der Love Parade und nicht zuletzt schuld daran, daß seine Insel niemals schläft. Eine viel zu lange Geschichte, die Alfredo später erzählen wird, sehr viel später, wenn die Sprache zurückkehrt und die Musik nicht mehr als ein dumpfes Echo ist

          Der Spaß ihres Lebens

          „Carry On!“ heißt seine Party, denn wenn es einen Konsens gibt auf Ibiza, dann den des bedingungslosen Weitermachens. Ein bißchen was geht immer. Meistens darf es dann aber doch ein bißchen mehr sein: Schon Alfredos erste Platte zeigt verheerende Wirkung, die Tänzer springen in die Luft und schreien wie am Spieß. Jetzt, am Dienstag vormittag, wollen sie es noch einmal richtig wissen; und wer wäre besser geeignet, sie durch einen weiteren Tag zu bringen, als Alfredo. „Es ist mein Job, dafür zu sorgen, daß diese Leute den Spaß ihres Lebens haben“, wird er später sehr müde und langsam sagen und dabei traurig aus seinen großen blauen Augen schauen.

          Spaß heißt hier Kontrollverlust, heißt, alles abzulegen, was an Vernunft und Erwachsensein erinnert. Und so wirkt seine Party spätestens gegen Mittag wie ein riesiger, psychedelischer Kindergeburtstag, mit vielen bunten Smarties, Konfetti und allem, was dazugehört. Ein Mann steht auf einer der Boxen und spielt Luftgitarre, fünf Stunden am Stück und durchaus konzentriert. Die Spanierinnen mit dem Bullenbetäubungsmittel beginnen eben, eine Gruppe von Tänzern mit Klopapier einzuwickeln. Ein wunderschönes Mädchen läuft strahlend mit einem glitzernden Zauberstab über die Tanzfläche und berührt jeden, der auch nur im entferntesten unglücklich wirkt. Ihr Freund ist komplett in Tennisklamotten gekleidet und ißt Pfirsiche, während er Kniebeugen macht. Andere kommen erst gar nicht mehr hoch: Sie knien andächtig auf der Tanzfläche und weinen vor lauter Freude über Alfredos Musik Tränen des Glücks.

          Der DJ als Starkstromleitung

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