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Ditib-Kommentar : Kleine Märtyrer

Ditib-Moschee in Oer-Erkenschwick Bild: dpa

Die Macht des türkischen Staats reicht bis in deutsche Ditib-Moscheen. Hier werden Gülen-Anhänger ausspioniert und Kinder militaristisch aufgehetzt. Das ist nicht länger hinzunehmen.

          Sie sind nicht älter als sieben, acht, zehn Jahre. Als kleine uniformierte Kindersoldaten marschieren sie in ihrer Moschee für Allah und Vaterland. Dann fallen sie, von Feindeskugeln getroffen. Märtyrer, über die ein Jugendlicher das Leichentuch breitet, die Fahne der Noch-Republik Türkei. „Die Kugel, die dich getroffen hat, spüre ich in meinem Leib... Mein Märtyrer, schlaf ruhig!“, singen kleine Mädchen. Seit Wochen geschieht das in Ditib-Moscheen dieses Landes, die ARD hat den Skandal jetzt öffentlich gemacht. Routiniert beschwören Ditib-Funktionäre den „interreligiösen Dialog“, wiegeln ab: Einzelfälle, Ausrutscher, gehöre gar nicht zu „unserer Gedenkkultur“. Aber die Journalisten haben gut recherchiert. Eine Anweisung aus Ankara, via Religionsattaché unters Volk gebracht, wird eingeblendet. Dem Attaché unterstehen die Imame, türkische Staatsbeamte wie er. Die Gläubigen werden für Erdogans „Heiligen Krieg“ in Syrien zur Geschlossenheit aufgerufen, die Imame mögen bei den Gebeten die Eroberungssure lesen, auch sei „an Bittgebeten nicht zu sparen“.

          Kriegshetze nennt man das normalerweise in Deutschland, hier soll sie der Islam legitimieren. Ein Bürgermeister überlegt, ob das nicht bereits Kindeswohlgefährdung sei. Anstiftung zum aktiven Unfrieden sollte noch hinzugefügt werden, denn der Feind, in den Moscheen noch imaginiert, lebt ja auch in diesem Land: die Kurden. Auch sie bevorzugen für ihre Proteste nicht immer nur harmlose Parolen, Radikale kündigen im Internet Rache und Vergeltung an. Wie sollte die Politik damit umgehen? Cem Özdemir und wenige andere verlangen zwar nicht erst jetzt, die Subventionierung des mächtigsten politischen Islamverbandes endlich zu überprüfen, am besten einzustellen. Nichts, was in Ditib-Moscheen geschehe, sagte Özdemir kürzlich bei einer Diskussion, sei zuvor nicht in Ankara abgesegnet worden. Dort sitzt die Religionsbehörde Diyanet, der die Ditib mit ihren mehr als 900 Moscheegemeinden untersteht, auch wenn ihre Funktionäre stur behaupten, sie sei ein autonomer Verein.

          In der deutschen Konsensdemokratie will man das gern weiter so sehen, nur mehren sich die Skandale. Das Ausspionieren von Gülen-Anhängern war nur einer, das militaristische Indoktrinieren von Kindern der vorläufig letzte. Trotzdem sitzt die Ditib in Rundfunkräten, verbreitet über den „Koordinierungsrat der Muslime“, ein politisches Bündnis reaktionärer Islamverbände, im Grunde genommen antiaufklärerische Weltbilder. Ditib-Funktionäre sitzen trotz aller Warnungen in den Beiräten für den Religionsunterricht und beeinflussen die Stimmung in Universitäten. Sie haben mit dafür gesorgt, dass die Islamkonferenz des Innenministers zu einer Quasselbude verkam, ohne Beteiligung der großen Mehrheit liberaler Muslime und unter Ausgrenzung kritischer Geister. Das alles ist nicht neu, nur wird diese antidemokratische Bewegung immer gefährlicher. Sie spaltet nicht nur die Deutschtürken, sondern mit dem Gift ihrer Propaganda unsere Gesellschaft. Das ist nicht mehr hinzunehmen.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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