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Schneewittchen heute : Heigh-Ho!

Kein gutes Verhältnis zwischen Stieftochter und Stiefmutter: So setzte es der Disney-Film von 1937 ins Bild. Bild: Allstar/Disney

Disney will „Schneewittchen“ neu verfilmen und mit einer Latina in der Titelrolle alles richtig machen. Warum erntet der Konzern trotzdem Protest?

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          Was es bedeutet, sich an einem Schrift gewordenen Heiligtum zu vergreifen, bekamen angeblich die Urheber der „Herr der Ringe“-Filme zu spüren, als bei den ersten Vorführungen grummelnde Tolkien-Fans im Kinosaal lautstark jede Abweichung von der Vorlage monierten. Seither hat sich einiges getan, und schon die plötzliche Präsenz einer höchst kämpferischen Elbin in den inhaltlich doch sehr gedehnten „Hobbit“-Filmen gut zehn Jahre nach dem „Herrn der Ringe“ war ein deutlicher Hinweis darauf, dass das Team um den Regisseur Peter Jackson die Zeichen der Zeit erkannt und den geforderten weiblichen Part ergänzt hat.

          Wer sich darüber aufregt, sollte einen Blick auf die jährlichen Märchenverfilmungen in ARD und ZDF werfen, die sich ihren Stoffen mit der größten Freimütigkeit nähern – mitunter bleibt da kaum mehr als der Titel und der ein oder andere Protagonist eines Märchens übrig, der Rest ist weitgehend erfunden. Beliebt ist da ein diffuses Dekor, Märchenfilme sollen schließlich irgendwie vormodern aussehen, was Museumsdörfer und Burgen zuverlässig liefern. Zeitlos aber wirken solche Filme nicht. Botschaften und Charaktere stehen mit beiden Beinen fest in unserer Gegenwart, was heißt, dass sich etwa Prinzessinnen nur noch sehr selten einfach so heiraten lassen, sondern ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen und dabei finsteren Mächten die Stirn bieten. Und auch die Schauspielensem­bles, die dabei mitwirken, sind inzwischen diverser, als es sich die Brüder Grimm je hätten träumen lassen.

          „Diese rückwärtsgewandte Geschichte“

          Dass alle Stoffe, natürlich auch die Märchen, davon profitieren können, wenn man sie ausdeutet, fortschreibt und aus neuen Perspektiven betrachtet, liegt auf der Hand, und umgekehrt leider auch, dass uns nicht jede Adaption in diesem Sinne bereichert. So wittert der 1,35 Meter große Schauspieler Peter Dinklage, bekannt aus „Game of ­Thrones“, hinter der öffentlichkeitswirksamen Vergabe der Titelrolle in der Disney-Realverfilmung von „Schneewittchen“ an die Latina Rachel Zegler („West Side Story“) Scheinheiligkeit: Während man sich bei Schneewittchen betont fortschrittlich gebe, erzähle man weiterhin „diese rückwärtsgewandte Geschichte über sieben Zwerge, die zusammen in einer Höhle leben“.

          Disney beeilte sich mit der Versicherung, bloß nicht die „Stereotypen“ des Trickfilms von 1937 wiederholen zu wollen und einen „anderen Ansatz“ bei „diesen sieben Figuren“ zu wählen – fragt sich nur welchen. Wer vorsichtig von „Figuren“ spricht, hat womöglich keine Kleinwüchsigen mehr im Sinn, aber warum will sich Disney ausdrücklich „Rat von Mitgliedern der Kleinwüchsigen-Gemeinschaft“ holen? Oder geht es um das einfältige Grinsen der Zeichentrickzwerge, das „Heigh-Ho“-Gesinge? Was die Höhle angeht, hilft ein Blick ins Märchenbuch. Die Zwerge der Brüder Grimm bewohnen ein reinliches Haus. Das wäre schon mal ein Anfang.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

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