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Wer lässt sich impfen? : Der Impfgegner

Impfgegner auf einer Demonstration in Baden-Württemberg Bild: dpa

Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt? Warum die Haltung von manchen Impfgegnern mit rationalen Argumenten allein nicht nachvollziehbar ist.

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          Deutschland ist ein friedliches Land. Das heißt aber nicht, dass seine Bewohner ein besonders friedliches Völkchen wären. Im Gegenteil: Hierzulande streitet man sich auch mal ganz gern. Die Streitgesellschaft, in der wir seit geraumer Zeit leben, ist wohl so etwas wie die Fortsetzung der Spaßgesellschaft mit anderen Mitteln. Ein bisschen Streit muss sein. Und alle singen mit. Denn jeder weiß Bescheid. Das Land der Dichter und Denker ist auch das Land der Experten und Besserwisser.

          Hielten sich gestern noch Millionen wackerer Bundesbürger für den idealen Bundestrainer der Fußballnationalmannschaft, so streben heute dieselben Menschen den Vorsitz der Ständigen Impfkommission an. Ihre Motivation ist in beiden Fällen dieselbe: Selbstlos möchten sie ihre Expertise der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Um Gutes zu bewirken – und ganz nebenbei endlich, endlich mal wieder etwas bestimmen, verfügen, erlassen, anordnen, diktieren zu können.

          Geht das nicht jedem manchmal so? Außerdem hat nicht nur die Bundeswehr einen Verteidigungsauftrag, sondern auch Otto Normalstreithahn. Erteilt hat ihn einst, aber das ist längst vergessen, die Sponti-Bewegung: Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt! Früher konnte man das an manchen Hauswänden lesen. Heute klebt der Satz im Kopf des Normalstreithahns wie ein altes Kaugummi. Deshalb wehrt er sich, was das Zeug hält: gegen Windräder und Autobahnausbau, Überholverbot und Tempolimit, Funkmasten und Funklöcher. Je wichtiger das Thema, desto größer sind in den Augen des Normalstreithahns seine Verantwortung und sein Bedeutungszuwachs.

          Das letzte Refugium körperlicher Souveränität?

          So weit, so nachvollziehbar. Ein gutes Quantum Irrationalität mag allerdings zuweilen auch eine Rolle spielen. Nehmen wir die heikle Frage des Impfens. Es mag gute Gründe geben, sich hier skeptisch zu verhalten. Darüber muss man sprechen. Aber was treibt Menschen an, die sich jeder Art von Impfung kategorisch verweigern, sei es gegen Masern, Tetanus, Covid-19? Könnte es sein, dass es unter den Impfgegnern Menschen gibt, die den eigenen Körper als letztes Refugium ihrer persönlichen Souveränität betrachten?

          Kulturanthropologisch gesehen, könnte man verschiedene Formen des Körperkults von der Tätowierung über Bodyshaping bis zur Schönheitschirurgie als Behauptungsversuche des Einzelnen in einer fremdbestimmten Gesellschaft interpretieren, als permanente, Fleisch gewordene Demonstrationen der Selbstbestimmtheit. Dabei bedeutet die Dialektik der Selbstoptimierung ja immer beides: den Willen zur Herrschaft über sich selbst wie die Unterwerfung unter ein von außen kommendes Ideal. Wer das Eindringen der Impfnadel in den eigenen Körper mit dem Verweis auf das im Grundgesetz verankerte Recht auf körperliche Unversehrtheit ablehnt, beharrt auf der unumschränkten Selbstherrschaft über die eigene Haut und schützt sein ureigenstes Territorium. Der Impfgegner mag sich als Autokrat im kleinen Fürstentum des eigenen Körpers fühlen. Aber er hat es mit einem Gegner zu tun, vor dem er die Grenzen seines Reiches aus eigener Kraft nicht schützen kann.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

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