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Thatcher-Phantasie spaltet Briten : Mehr Politik in der Literatur wagen!

  • -Aktualisiert am

Mit einem fiktiven Attentat auf Margaret Thatcher, dessen Vorbereitung sie in einer Kurzgeschichte beschrieben hat, sorgt Hilary Mantel für Diskussionsstoff Bild: dpa

Die Schriftstellerin Hilary Mantel regt mit ihrer militanten Thatcher-Phantasie die Briten auf. Warum gehen deutsche Literaten solche Risiken nicht ein?

          Eigentlich ist der ganze Vorgang ja nicht so schön: Eine Zeitung kippt – dramatisch, kurzfristig – die Kurzgeschichte einer angesehenen Schriftstellerin aus ihrer Wochenendbeilage. Daraufhin wird sie von einem Konkurrenzblatt veröffentlicht und spaltet sofort die Öffentlichkeit. Die Geschichte von Hilary Mantel, die in diesen Tagen auch auf Deutsch erscheint, beschreibt auf wenigen Seiten die Vorbereitung eines fiktiven Attentats auf die damalige Premierministerin Margaret Thatcher in London an einem Augusttag des Jahres 1983.

          Die Reaktionen waren heftig: Freunde und Parteifreunde von Thatcher forderten polizeiliche Ermittlungen gegen die Schriftstellerin, andere zweifelten an ihrer Zurechnungsfähigkeit, weitere hingegen freuten sich, dass das endlich mal jemand aufschreibt. Plötzlich streitet die gesamte englischsprachige Welt über die britische Politik des Jahres 1983, vor allem aber über Literatur. Darf die Planung eines terroristischen Aktes mit derart lakonischem Wohlwollen beschrieben werden? Und so gut?

          Wonnen der Ereignislosigkeit

          Es handelt sich bei dem sorgfältig komponierten Stück keineswegs um eine blutrünstige und ausschweifende Rachephantasie einer verbitterten Linken, es ist vielmehr eine Abrechnung mit der eigenen Nostalgie, mit der Neigung, in der Ära Thatcher nur noch die gute alte Zeit zu sehen. Die intensive, durchaus beklemmende Geschichte versetzt uns zurück in eine Epoche, in der Klassengegensätze, politisches Sektierertum, Polizeigewalt und immer wieder der Terror der IRA den Alltag der Briten in weit stärkerem Maße als heute bestimmten. Auch in der Bundesrepublik gab es damals weite Kreise, die sich über die Legitimität des Terrors die Köpfe heißredeten, doch als literarisches Thema taucht das so gut wie nie auf. Heute, da alle ökumenisch und kommunikativ ausgleichend gesinnt sind, will niemand mehr etwas davon wissen.

          Als Deutscher liest man diese Kurzgeschichte voller Neid. Wo sind die etablierten, preisgekrönten deutschen Autorinnen und Autoren, die die offenen Fragen der jüngsten westdeutschen Vergangenheit so komprimiert formulieren könnten? Die sich überhaupt für Zeitgeschichte interessieren und den Stoff kunstgerecht aufbereiten könnten? Hierzulande haben wir zwar das dichteste Netz an literaturfördernden Institutionen, eine erfreuliche und auch für Profis kaum zu überblickende Fülle an Preisen, Häusern und Stipendien für Prosa und Lyrik in allen Provinzen, aber es fehlt im Ergebnis an zeithistorischer, an politischer Präzision.

          Hilary Mantel

          Für den Osten gilt diese Zurückhaltung nicht: Die DDR ist, was die Literatur angeht, ein echter Touristenmagnet. Das Politische, das Private, die Familien, die Betriebe, die Städte wie die Dörfer – alles ist nahezu gleichzeitig mit dem Mauerfall zum literarischen Steinbruch geworden. Doch für den alten Westen und das erste gemeinsame Vierteljahrhundert haben wir vor allem Werke, die die Wonnen der Ereignislosigkeit beschreiben.

          Wir brauchen mutige Künstler

          Aber die Bundesrepublik hat auch nach Koeppen und Böll noch dramatischen politischen Stoff zu bieten. Schon vor Jahren bemerkte der Filmregisseur und Drehbuchautor Dominik Graf, dass beispielsweise die Geschichte von Helmut Kohls Parteispendenaffäre „wie ein riesiger Zeppelin über dem Land schwebt“ – das Buch oder der Film, der uns oder gerade die später Geborenen darüber aufklärte, ist nach wie vor ein Desiderat. Stoff böte auch der so folgenreiche Streit zwischen Lafontaine und Schröder. Es gibt Ausnahmen, Ulrich Peltzer wäre zu nennen – ansonsten sind es Journalisten wie Dirk Kurbjuweit oder Roger Willemsen, die sich der politischen Stoffe annehmen.

          Riskant sind solche Themen allemal. Wer ist hier schon so wahnsinnig wie die kürzlich in den Adelsstand erhobene Hilary Mantel? Allein die rechtlichen Implikationen des Themas, die moralische Frivolität, die Impertinenz, die darin besteht, die allgemeine Nettigkeit der Gegenwart zu verlassen und die Jahre der Spannungen zu beschwören. Wer würde es auf sich nehmen, wie die große französische Autorin Yasmina Reza, einen Ruf als Dramatikerin zu riskieren, um ein Jahr lang einen Spitzenpolitiker zu begleiten? Doch selbst wenn sich deutsche Autorinnen und Autoren fänden – über wen sollten sie schreiben? Und für wen?

          Die Stimmung im Land begünstigt solche Arbeiten nicht. Die deutsche Öffentlichkeit zieht sich seit geraumer Zeit schon wohlig die Decke über den Kopf und genießt die Gefälligkeiten unseres neubuddhistischen Biedermeiers unter Angela Merkel. Da würde eine Erinnerung an die westdeutschen Polarisierungen, an die Irrungen und Wirrungen derer, die bis vor wenigen Jahren die Geschicke des Landes lenkten, bloß beunruhigen und beim Wiedereinschlafen stören. So hält es jedenfalls die Mehrheit im Lande. Eine wachsende Minderheit macht das dröhnende Schweigen unter der zweiten großen Koalition in wenigen Jahren unruhig. Wir brauchen mutige Künstler, um für latent zunehmende tektonische Spannungen einen kontrollierten Auslöser anzubieten, einen Moment zu stiften, an dem sich manche zum Aufbruch entschließen, nachdem sie zu lange schon aus Müdigkeit abhängen. Denn Literatur ist nicht allein dazu da, uns glücklich zu machen.

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