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„Dirty Beaches“ in Köln : Schluckaufpop im Nebel

  • -Aktualisiert am

Frontmann der „Dirty Beaches“ beim Konzert in Köln: Alex Zhang Hungtai Bild: Thomas Brill

Rock’n’Roll und Sinnlichkeit reichen allein nicht für einen gelungenen Abend. Doch beim Auftritt der Dirty Beaches stimmt die Mischung von anmutendem Gesang und roher Musik.

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          Menschen, die mit den Bedingungen im engen Kölner Club King Georg nicht vertraut sind, könnten sich fragen, wo hier denn bitte die Band auftreten soll? Na, mitten im Publikum! Und tatsächlich: Stellt man sich auf die Zehenspitzen, kann man hinter all dem Nebel, inmitten der mit Bierflaschen bewehrten Zuschauer, Alex Zhang Hungtai alias Dirty Beaches und seine beiden Mitmusiker ausmachen. Der dichte Nebel ist wohlgemerkt nicht, wie sonst bei Konzerten, dem Einsatz von Trockeneis geschuldet - es ist Zigarettenrauch, der in dichten Wolken über der Szenerie hängt, und ein Großteil dieses Zigarettenrauchs wird von Alex Zhang Hungtai selbst produziert.

          Hungtai, gebürtiger Taiwaner und in Kanada aufgewachsen, sieht aus wie jemand, dessen Foto man getrost im Wörtererklärungslexikon neben dem Begriff „cool“ abdrucken könnte: Er ist ganz in Schwarz gekleidet, trägt einen schmalen Oberlippenbart, hat ständig eine Zigarette im Mund hängen und eine prachtvolle, tiefschwarze Haartolle. Diese Haartolle weist bereits den Weg: Dirty Beaches spielen eine extrem rohe, primitive, dabei aber ungemein sinnliche Musik. Man kann Rock ’n’ Roll dazu sagen oder Psychobilly.

          In den „Twin Peaks“ Wäldern

          Damit wäre aber nur die Hälfte erklärt. Die Mischung aus rumpelnden Schlagzeugcomputern, nervendem Saxophon und spastisch anmutendem Schluckauf-Gesang vereint den gewollt primitiven Rock ’n’ Roll der Cramps mit dem sonoren No-Wave-Getucker eines Alan Vega. Dazu bellt Hungtai Texte, die sich auf dem Papier lesen, als hätten Charles Bukowski und Henry Miller gemeinsam ein paar selbstparodistische Schweinereien zusammengekrakelt. Beim Konzert ist davon freilich nichts zu verstehen, was dem Spaß aber keinen Abbruch tut.

          Wie oft im King Georg, diesem mit viel Liebe und Geschmack ausgestatteter Schummer-Club, wird die Musik eins mit dem Ort. Mehr noch: Es wirkt, als hätte man den Laden eigens um die Musiker herumgebaut. Allerdings scheint die stets in dunkles Rot getunkte, holzvertäfelte Bar mit den ledernen Sitznischen an diesem Abend nicht mehr am Kölner Ebertplatz zu stehen, sondern in den Wäldern von David Lynchs „Twin Peaks“.

          Manch ein Besucher mag angesichts der überwiegend arg mäandernden und strukturlos klingenden Stücke, die Dirty Beaches heute hier aufführen, irritiert sein: Der bekannteste Song Hungtais nämlich ist ein auf einem Sample des Françoise-Hardy-Stücks „Voilà“ basierendes Lied namens „Lord Knows Best“, das sich zwar anhört, als würde es von einem Crooner auf der eigenen Beerdigung intoniert, aber deutlich melodischer ist als das meiste, was heute hier aufgeführt wird. Nach etwa fünfundvierzig Minuten ist das Konzert zu Ende. Da es müßig wäre, von einer Nicht-Bühne abzugehen, bleiben Hungtai und seine Musiker einfach stehen und spielen die Zugabe, ebenjene Françoise-Hardy-Bearbeitung, gleich hinterher. Danach wankt man wieder auf die Straße. Draußen wehen die Wälder von Twin Peaks.

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