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Zu Gast bei der UN : Ein kafkaesker Moloch der Bürokratie?

  • -Aktualisiert am

Der UN-Sicherheitsrat tagt im Norwegischen Saal. Per Krohgs monumentales Wandbild zeigt einen Phönix, der für den Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg steht. Bild: Reuters

Die Vereinten Nationen verfassen Resolutionen zur Zukunft ganzer Regionen – doch öffentlich dokumentiert werden ihre Treffen nicht. Um sie zu begreifen, muss man in die unterirdischen Konferenzräume hinabsteigen. Ein Besuch.

          Die Diplomaten sitzen im taghellen Konferenzraum und starren auf die Wand. Konzentriert versucht der junge Mann am Laptop, den letzten Rednerbeitrag einzuarbeiten. Rot heißt hier „neu“, Gelb steht für „alt“, Blau meint „neu, aber anders“. Das projizierte Word-Dokument ist stellenweise so sehr von Änderungsvorschlägen, Kommentaren und Ergänzungen durchzogen, dass man oft zweimal ansetzen muss, um einen Satz am Stück lesen zu können. Mehr Kaffee, mehr Mineralwasser wird hereingefahren. Dass Sprache und die Arbeit am Text grundsätzlich ein integraler Bestandteil multilateraler Diplomatie sind, bedarf kaum der Erwähnung. Im Falle der Vereinten Nationen ist aber außerhalb der Organisation vergleichsweise wenig über die alltägliche Praxis dieser Textarbeit bekannt.

          Nach außen kranken die Vereinten Nationen nicht erst seit gestern daran, als kafkaesker Bürokratiemoloch wahrgenommen zu werden, in dem sich letztlich bedeutungslose Akten stapeln. Ungläubig verfolgt man, wie sich im Sicherheitsrat rivalisierende Lager bis zur Handlungsunfähigkeit gegenüberstehen, während in Sanaa und Aleppo ratifizierte Abkommen im Schredder der politischen Wirklichkeit landen.

          Will man die Vereinten Nationen von innen besser begreifen, muss man wissen, wie dort Resolutionen verfasst und redigiert werden. Man muss in die unterirdischen Konferenzräume und in die zahlreichen Ländervertretungen rings um das UN-Gelände gehen, in denen ein Großteil der Arbeit stattfindet. In informellen Konsultationen wird dort mitunter wochenlang der genaue Wortlaut einer Resolution erarbeitet.

          Inventar stilistischer Winkelzüge

          Da es keine öffentliche Dokumentation dieser Treffen gibt, handelt es sich um eine nahezu unerschlossene sprachsoziologische Fundgrube. Wer dort hineinsteigt, dem fällt als Erstes auf, wie viel Gewicht hier jedem Wort eingeräumt, wie viel Zeit auf jede Formulierung verwendet wird. Ein erfolgreicher UN-Diplomat muss in diesem Sinne auch ein verständiger Lektor sein, der an den richtigen Stellen zu streichen, umzuformulieren und zu versetzen weiß. Nun liegen hier aber nicht der nächste Kurzgeschichtenband, sondern Papiere zur Zukunft ganzer Regionen auf dem Tisch. Und statt dass sich zwei Freunde der Prosa über den Text beugen, schreiben Dutzende Staaten an der finalen Fassung mit.

          Um den Text gemäß den Weisungen aus den Hauptstädten mitzugestalten, greifen die Diplomaten auf ein großes Inventar stilistischer Winkelzüge zurück. Einige davon sind eher trivial, wie etwa die Skalierungen geläufiger Bewertungsbegriffe („verurteilen“, „begrüßen“, „verheerend“, „erfreulich“) in die eine oder andere Richtung. Vertrackter werden die Verhandlungen bei Begriffen, hinter denen sich (nicht selten widersprüchliche) philosophische, rechtliche, organisatorische und kulturelle Konzepte verbergen. Wenn ein Staat beispielsweise vorschlägt, „Freiheit der Gedanken“ zu streichen und stattdessen „ein friedliches Nebeneinander der Zivilisationen“ einzusetzen, dann wird schnell klar, dass hier mehr aufeinanderprallt als stilistische Geschmäcker.

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