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Dinge, Die Verschwinden : Dinge, Die Verschwinden

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Heute endlich hüllt die Keusche sich in ihre schönste Robe, greift zum Diamantgeschmeide, tritt heraus aus dem Gemache und beehrt, also gewandet, heut höchstselbst die schnöde Gasse (im Treppenhaus vorbei an der HNO-Praxis von Frau Dr.

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          Heute endlich hüllt die Keusche sich in ihre schönste Robe, greift zum Diamantgeschmeide, tritt heraus aus dem Gemache und beehrt, also gewandet, heut höchstselbst die schnöde Gasse (im Treppenhaus vorbei an der HNO-Praxis von Frau Dr. Müller). Angesprengt kommt da alsbald der ersehnte kühne Recke auf dem feurigsten der Rappen (über die Kreuzung Schwedter/Ecke Kastanienallee). Gemach, gemach, hurtiger Mann! Schöne zu sich: Was ist er ergötzlich zu schauen, nimmermehr vermag ich den Blick von ihm zu wenden, ach, wenn er mich nur zu erhören geruhte! Doch still, jetzt richtet er den lauteren Strahl seiner Augen auf mich. (In der Grundschule klingelt es zur ersten Hofpause.) Der Reiter zügelt sein Pferd, er stammelt, er stockt, sein Blut gerät in Wallung, die anmutigste aller Jungfrauen senkt züchtig den Blick auf ihr Mieder, er schwingt sich vom Ross, führt das edle Tier am Zügel beiseite (Fahrräder im Hausflur abstellen verboten), sodann naht er der Holden, neigt sein Haupt und grüßt sie, sie zaudert, da wird er kecker und presst sie, ehe sie weiß, wie ihr geschieht, inbrünstig an sein Herz. Sie erbebt. Zu sich: Ja, bei Gott, der so sehnlich erwartete Tag, da der tapferste aller Streiter, der tugendhafteste aller Jünglinge mich endlich heimführen will, ist gekommen. (Gehn wir rauf zu dir und bestellen uns eine Pizza, oder willst du lieber Falafel?) Wohlan, sagt er, mich hungert, mich dürstet, gib mir das Geleit zur heimlichen Pforte, sie bedeutet ihm, ihr zu folgen (erst in den Hof, sie will schnell noch den Müll wegbringen), aber kaum sind sie den Blicken des gemeinen Pöbels entschwunden, nennt er sie eine feile Dirne, reißt ihr das Geschmeide vom Hals, fort mit dem Tand, sagt er und heimst ihn sich ein. (Sag mal, spinnst du?) Ach, nur wilder wird das Drängen des Vermessnen. Schöne zu sich: Spät erst werd' ich's gewahr: Dieser, den ich für eine Zierde seines Geschlechtes gehalten, ist ein gottloser Wicht, ein verworfener Lüstling, ein schändlicher Geselle! Welch eine Schmach! (Sag mal, hast du 'ne Meise?) Weiche von mir, falscher Teufel, ruft sie, packt in einem Wust von Haaren des Verruchten linkes Ohr, bittre Zähren strömen jetzt aus dessen Augen, schick dich drein, du Tor, erbarm dich, hehre Jungfrau, ich vergehe, auf die Kniee!, ruft sie, Demut!, und da kniet der Held im Dreck hin, kniet da, wenn er nicht gestorben ist, noch heute. (Sie aber schmeißt seine Zähren, seine Inbrunst, ja den ganzen Verruchten samt Ross, noch dazu ihr eigenes Ergötzen, ihre Keuschheit, die Robe und noch einiges andere, an das sie sich schon jetzt nicht mehr erinnert, in die Tonne. Und ab durch die Mitte.)

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