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Digitales Kulturerbe : Unsichtbare Vasen für die Menschheit

Auf dem Weg ins digitale Archiv: Europa heftet sich ohne Hast an Googles Fersen Bild: ddp

Bei der Digitalisierung des kulturellen Erbes läuft den Europäern die Zeit davon. Google ist ihnen in Geld, Erfahrung und Größe meilenweit voraus.

          Dass die Archive, Bibliotheken und Museen, die das Wissen und die Künste der Menschheit aufbewahren, ihre Bestände digitalisieren müssen, ist keine Frage mehr. Die Frage ist nur noch, wie schnell das geschieht und wer den Prozess der Verwandlung von Objekten in Dateien steuert und kontrolliert. Ein Weckruf an die europäischen Wissenshüter, mit der Digitalisierung endlich Ernst zu machen, war vor sechs Jahren die Ankündigung des Google-Konzerns, bis 2015 den größten Teil der Sammlungen der Universitätsbibliotheken von Harvard, Stanford und Michigan und der Bodleian Library in Oxford scannen und in verschiedenen Zugangsstufen ins Internet stellen zu wollen. Inzwischen haben sich die Bayerische Staatsbibliothek, die Nationalbibliothek von Katalonien, die Österreichische Nationalbibliothek und andere ehrwürdige Häuser dem Projekt angeschlossen. Und Google hält Wort: Die Zahl der über „Google Books“ erreichbaren Bücher wächst rasch - und damit auch die Zahl der „gemeinfreien“, vom Urheberrecht nicht mehr erfassten Werke, die vollständig im Netz zu lesen sind.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Für die traditionellen Bibliotheken, die ihre Nutzer immer noch Karteikarten durchforsten und Bestellzettel ausfüllen lassen, entsteht dadurch eine mächtige Konkurrenz. Aber auch die Digitalisierung ihrer Schätze birgt auf lange Sicht ein Existenzrisiko: Die kommunalen und nationalen Kulturpolitiker, die den Bibliotheksbetrieb aus ihren Kassen finanzieren, könnten versucht sein, jene Häuser, deren Kundschaft nur noch vom eigenen Bildschirm aus die Bestände nutzt, zu reinen Verteilerstellen für Digitalisate herunterzukürzen. Man müsse sich fragen, wie viele „partikulare Institutionen“ man in Zukunft noch brauche, erklärte der Informatikwissenschaftler Stefan Gradmann vergangene Woche bei einer Tagung zur Zukunft des kulturellen Erbes in Berlin nicht ohne Besorgnis.

          Löcher im Etat

          Frisst das Netz die Archive? Man könnte meinen, die deutschen Bewahrer des Kulturerbes hätten es eilig, sich über diese Frage Klarheit zu verschaffen. Aber diesseits des Atlantiks, das zeigte die von der Deutschen Kinemathek und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz organisierte Tagung, kommt der lange Marsch ins einundzwanzigste Jahrhundert doch erst sehr gemächlich voran. Seine Geschwindigkeit hängt nicht zuletzt am Geld. Knapp acht Millionen Euro bekommt die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB), die als zentrales Portal der deutschen Kultureinrichtungen dienen soll, von Bund und Ländern als Startkapital. Für den laufenden Betrieb ab 2012 sollen noch einmal gut zweieinhalb Millionen pro Jahr fließen.

          Als einziger deutscher Beitrag zum gesamteuropäischen Kulturportal Europeana, für das unter Leitung von Stefan Gradmann gerade ein Referenzierungssystem, das „Europeana Data Model“, entwickelt wurde, ist das ein Klacks. Und doch stürzt schon diese begrenzte logistische Anstrengung die beteiligten Institutionen in Gewissensnöte, wie Günter Schauerte, Vizepräsident der Preußenstiftung, bei der Vorstellung des DDB-Projekts erläuterte. Denn: „Wenn wir alle Bilder, die wir haben, frei ins Netz stellen, ist unser Unterhalt gefährdet.“ Sprich: Wenn die Stiftung für ihre Fotodateien kein Geld mehr verlangen kann, klafft ein Loch in ihrem Etat, aus dem unter anderem die archivalische Sicherung der Fotos bezahlt wird.

          Gedächtnis und Vermarktung

          Eine auf andere Art ernüchternde Erfahrung hat das Bildarchiv im Koblenzer Bundesarchiv gemacht. Um ihre Bestände stärker mit dem Web zu vernetzen, schlossen die Archivare einen Kooperationsvertrag mit Wikimedia Deutschland, dem Trägerverein des deutschen Online-Lexikons Wikipedia. Seit 2008 wurden Zehntausende Fotos aus dem Archiv auf Wikipedia-Seiten gestellt. Der Erfolg war durchschlagend. Binnen zwei Jahren konnte das Archiv seine eigenen Einnahmen aus kostenpflichtigen Bildlizenzen verdreifachen. Hunderte Wikipedia-Leser meldeten sich mit stichhaltigen Korrekturvorschlägen. Aber auch der Missbrauch der Dateien stieg rasant an. Das Netz wurde mit beschnittenen und unbeschrifteten Fotos aus Bundesarchivbestand überschwemmt, besonders Findige boten die Bilder sogar auf Ebay zum Verkauf an. Der Anteil der Lizenzverstöße an den Nutzungen betrug fünfundneunzig Prozent. Im Herbst 2010 beendete das Bildarchiv die Kooperation. Nicht Wikipedia sei das Problem, sagte Archivleiter Oliver Sander in Berlin, sondern das Eigentumsverständnis der Nutzer. Dass auch Fotos, die im Netz zugänglich sind, dem Urheberrecht unterliegen, scheint für viele kaum begreiflich zu sein.

          Wie schmal die Grenze zwischen Wissensbewahrung und Datenmissbrauch ist, zeigte der Auftritt des Historikers Jörg von Bilavsky. Bilavsky ist Geschäftsführer des Vereins „Unsere Geschichte: Das Gedächtnis der Nation“, der mit Hilfe eines mobilen Fernsehstudios und eines eigenen Kanals auf Youtube Interviews mit Zeitzeugen der deutschen Vergangenheit sammeln und in seinem Web-Portal veröffentlichen will. Dass Guido Knopp, der Leiter der ZDF-Geschichtsredaktion, zu den Initiatoren des Vereins gehört, kann niemanden überraschen, der die bislang entstandenen Trailer und Zeitzeugenfilme sieht: Die Knopp-Bildermasche mit ihren nachvertonten Archivclips und falsch zugeordneten Bildern schaut bei ihnen aus allen Knopflöchern. Problematischer ist, dass der Verein sich die Exklusivrechte an den Interviews sichern will, ohne dass er seine Gesprächspartner darüber auf seiner Website belehrt. Die Gespräche werden nach dem Belieben von Bilavsky & Co. geschnitten, Komplettversionen sind erst für eine ferne Zukunft geplant. Ob auf diese Weise wirklich ein Gedächtnisportal oder nur ein neues Vermarktungsmodell für Zeitgeschichte im Netz entsteht, muss sich erst noch zeigen.

          Bedürfnis nach Übersicht

          Derzeit werden in Deutschland an allen Ecken Kulturinhalte digitalisiert. Dass dabei keine nutzerfreundliche Vielfalt, sondern wuchernde Unübersichtlichkeit entsteht, ist eine der vielen Segnungen des Kulturföderalismus. Stefan Rohde-Enslin, der für eine interministerielle Bund-Länder-Arbeitsgruppe für europäische Kulturangelegenheiten die Seite kulturerbe-digital.de koordiniert, nannte Beispiele aus seinem Berichtsgebiet: ein Archiv für russische Mathematikbücher der Universitätsbibliothek Göttingen; ein hessisches Projekt zur Volkszählung von 1950; eine Sammlung sächsischer Landtagsprotokolle; ein Verzeichnis liturgischer Gefäße („vasa sacra“), das ohne Bilder auskommen muss, da die beteiligten Kirchen um die Sicherheit ihrer Schätze fürchten.

          Selbst wenn die Kennzeichnungssysteme des Europeana-Projekts so verfeinert werden, dass man auch solche ausgefallenen Digitalisate über die Objektdatensuche findet, dürfte der breiten Öffentlichkeit damit kaum geholfen sein. Denn im gleichen Maß, wie die Menge des digitalisierten Kulturguts zunimmt, wächst auch das Bedürfnis nach einfachen und übersichtlichen Suchmasken, Objektdarstellungen und Verzeichnissen. In diesen Belangen ist Google seinen europäischen Konkurrenten um Jahre voraus. So gesehen, war es nur konsequent, dass die österreichische Nationalbibliothek, die über eine der fünf bedeutendsten historischen Buchsammlungen der Welt verfügt, mit dem Branchenriesen ein Kooperationsabkommen über die Digitalisierung ihres gesamten gemeinfreien Bestandes vor 1850 abgeschlossen hat. In den kommenden beiden Jahren werden so sechshunderttausend Bände mit insgesamt dreißig Millionen Buchseiten digitalisiert und über Google Books und das Archivportal der Nationalbibliothek erschlossen - darunter Funde aus der Pionierzeit des Buchdrucks um 1500 und solche, die seit Hunderten von Jahren unaufgeschnitten in den Regalen liegen. Auch die Fideikommisbibliothek, die private Büchersammlung der Habsburgermonarchie, ist Bestandteil des Projekts, das laut Vertrag dereinst auch über die Europeana-Website zugänglich sein soll. Ob sich die Nutzer von Google Books dann allerdings noch dort umsehen werden, ist die Frage.

          Europäische Gründlichkeit

          Und genau darin liegt die Gefahr. Denn Google, dessen Werbeeinnahmen den Etat sämtlicher europäischer Digitalisierungsprojekte um ein Vielfaches übertreffen, ist dabei, den Wettlauf um die Erfassung mindestens des schriftlichen Kulturerbes unwiderruflich für sich zu entscheiden. Wenn die Menge der urheberrechtsfreien, durch Volltextsuche erfassbaren Bücher erst ein kritisches Maß erreicht hat, wird damit ein kommerziell betriebenes Archiv im Netz sein, das die Digitalpräsenzen aller anderen Bucharchive überwölbt und überschattet. Im Übrigen ist auch Wikipedia längst dabei, mit Wikibooks, Wikisource und Wikimedia Commons archivartige Portal für Texte und Bilder aufzubauen. Aus globaler Perspektive dürfte mit den Wikipedia-Portalen der einzige ernsthafte Herausforderer für Riesen entstehen, schon deshalb, weil das selbstverwaltete Online-Lexikon den Freiheitsgedanken, aus dem heraus das Internet entstand, allemal überzeugender verkörpert als der börsennotierte Branchenriese aus Mountain View, Kalifornien.

          Und die Europäer? Bisher, so Günter Schauerte, umfasst die Deutsche Digitale Bibliothek nur ein Dutzend Seiten, aber im kommenden Jahr werden es schon ein paar Verknüpfungen mehr sein. Man geht lieber gründlich als hastig vor, prüft, wägt ab, sichtet und sammelt Fördergeld. „Entwicklungsfremdheit“, sprach der Dichter, „ist die Tiefe des Weisen.“ Aber Gottfried Benn wusste auch noch nichts von der digitalen Revolution.

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