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Digitales Kulturerbe : Unsichtbare Vasen für die Menschheit

Selbst wenn die Kennzeichnungssysteme des Europeana-Projekts so verfeinert werden, dass man auch solche ausgefallenen Digitalisate über die Objektdatensuche findet, dürfte der breiten Öffentlichkeit damit kaum geholfen sein. Denn im gleichen Maß, wie die Menge des digitalisierten Kulturguts zunimmt, wächst auch das Bedürfnis nach einfachen und übersichtlichen Suchmasken, Objektdarstellungen und Verzeichnissen. In diesen Belangen ist Google seinen europäischen Konkurrenten um Jahre voraus. So gesehen, war es nur konsequent, dass die österreichische Nationalbibliothek, die über eine der fünf bedeutendsten historischen Buchsammlungen der Welt verfügt, mit dem Branchenriesen ein Kooperationsabkommen über die Digitalisierung ihres gesamten gemeinfreien Bestandes vor 1850 abgeschlossen hat. In den kommenden beiden Jahren werden so sechshunderttausend Bände mit insgesamt dreißig Millionen Buchseiten digitalisiert und über Google Books und das Archivportal der Nationalbibliothek erschlossen - darunter Funde aus der Pionierzeit des Buchdrucks um 1500 und solche, die seit Hunderten von Jahren unaufgeschnitten in den Regalen liegen. Auch die Fideikommisbibliothek, die private Büchersammlung der Habsburgermonarchie, ist Bestandteil des Projekts, das laut Vertrag dereinst auch über die Europeana-Website zugänglich sein soll. Ob sich die Nutzer von Google Books dann allerdings noch dort umsehen werden, ist die Frage.

Europäische Gründlichkeit

Und genau darin liegt die Gefahr. Denn Google, dessen Werbeeinnahmen den Etat sämtlicher europäischer Digitalisierungsprojekte um ein Vielfaches übertreffen, ist dabei, den Wettlauf um die Erfassung mindestens des schriftlichen Kulturerbes unwiderruflich für sich zu entscheiden. Wenn die Menge der urheberrechtsfreien, durch Volltextsuche erfassbaren Bücher erst ein kritisches Maß erreicht hat, wird damit ein kommerziell betriebenes Archiv im Netz sein, das die Digitalpräsenzen aller anderen Bucharchive überwölbt und überschattet. Im Übrigen ist auch Wikipedia längst dabei, mit Wikibooks, Wikisource und Wikimedia Commons archivartige Portal für Texte und Bilder aufzubauen. Aus globaler Perspektive dürfte mit den Wikipedia-Portalen der einzige ernsthafte Herausforderer für Riesen entstehen, schon deshalb, weil das selbstverwaltete Online-Lexikon den Freiheitsgedanken, aus dem heraus das Internet entstand, allemal überzeugender verkörpert als der börsennotierte Branchenriese aus Mountain View, Kalifornien.

Und die Europäer? Bisher, so Günter Schauerte, umfasst die Deutsche Digitale Bibliothek nur ein Dutzend Seiten, aber im kommenden Jahr werden es schon ein paar Verknüpfungen mehr sein. Man geht lieber gründlich als hastig vor, prüft, wägt ab, sichtet und sammelt Fördergeld. „Entwicklungsfremdheit“, sprach der Dichter, „ist die Tiefe des Weisen.“ Aber Gottfried Benn wusste auch noch nichts von der digitalen Revolution.

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