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Digitales Kulturerbe : Unsichtbare Vasen für die Menschheit

Gedächtnis und Vermarktung

Eine auf andere Art ernüchternde Erfahrung hat das Bildarchiv im Koblenzer Bundesarchiv gemacht. Um ihre Bestände stärker mit dem Web zu vernetzen, schlossen die Archivare einen Kooperationsvertrag mit Wikimedia Deutschland, dem Trägerverein des deutschen Online-Lexikons Wikipedia. Seit 2008 wurden Zehntausende Fotos aus dem Archiv auf Wikipedia-Seiten gestellt. Der Erfolg war durchschlagend. Binnen zwei Jahren konnte das Archiv seine eigenen Einnahmen aus kostenpflichtigen Bildlizenzen verdreifachen. Hunderte Wikipedia-Leser meldeten sich mit stichhaltigen Korrekturvorschlägen. Aber auch der Missbrauch der Dateien stieg rasant an. Das Netz wurde mit beschnittenen und unbeschrifteten Fotos aus Bundesarchivbestand überschwemmt, besonders Findige boten die Bilder sogar auf Ebay zum Verkauf an. Der Anteil der Lizenzverstöße an den Nutzungen betrug fünfundneunzig Prozent. Im Herbst 2010 beendete das Bildarchiv die Kooperation. Nicht Wikipedia sei das Problem, sagte Archivleiter Oliver Sander in Berlin, sondern das Eigentumsverständnis der Nutzer. Dass auch Fotos, die im Netz zugänglich sind, dem Urheberrecht unterliegen, scheint für viele kaum begreiflich zu sein.

Wie schmal die Grenze zwischen Wissensbewahrung und Datenmissbrauch ist, zeigte der Auftritt des Historikers Jörg von Bilavsky. Bilavsky ist Geschäftsführer des Vereins „Unsere Geschichte: Das Gedächtnis der Nation“, der mit Hilfe eines mobilen Fernsehstudios und eines eigenen Kanals auf Youtube Interviews mit Zeitzeugen der deutschen Vergangenheit sammeln und in seinem Web-Portal veröffentlichen will. Dass Guido Knopp, der Leiter der ZDF-Geschichtsredaktion, zu den Initiatoren des Vereins gehört, kann niemanden überraschen, der die bislang entstandenen Trailer und Zeitzeugenfilme sieht: Die Knopp-Bildermasche mit ihren nachvertonten Archivclips und falsch zugeordneten Bildern schaut bei ihnen aus allen Knopflöchern. Problematischer ist, dass der Verein sich die Exklusivrechte an den Interviews sichern will, ohne dass er seine Gesprächspartner darüber auf seiner Website belehrt. Die Gespräche werden nach dem Belieben von Bilavsky & Co. geschnitten, Komplettversionen sind erst für eine ferne Zukunft geplant. Ob auf diese Weise wirklich ein Gedächtnisportal oder nur ein neues Vermarktungsmodell für Zeitgeschichte im Netz entsteht, muss sich erst noch zeigen.

Bedürfnis nach Übersicht

Derzeit werden in Deutschland an allen Ecken Kulturinhalte digitalisiert. Dass dabei keine nutzerfreundliche Vielfalt, sondern wuchernde Unübersichtlichkeit entsteht, ist eine der vielen Segnungen des Kulturföderalismus. Stefan Rohde-Enslin, der für eine interministerielle Bund-Länder-Arbeitsgruppe für europäische Kulturangelegenheiten die Seite kulturerbe-digital.de koordiniert, nannte Beispiele aus seinem Berichtsgebiet: ein Archiv für russische Mathematikbücher der Universitätsbibliothek Göttingen; ein hessisches Projekt zur Volkszählung von 1950; eine Sammlung sächsischer Landtagsprotokolle; ein Verzeichnis liturgischer Gefäße („vasa sacra“), das ohne Bilder auskommen muss, da die beteiligten Kirchen um die Sicherheit ihrer Schätze fürchten.

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