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Schulen in der Pandemie : Im Digitalrausch

  • -Aktualisiert am

Auf Arbeitszettel kann auch eine digitale Schule nicht verzichten: Lernmaterial in einem leeren Klassenzimmer in Niedersachsen Bild: dpa

Deutsche Schulen sind keine digitalen Vorreiter. Doch droht deshalb gleich der Bildungsuntergang? Auch analoge Tugenden wollen gelernt sein.

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          Nun ist es wieder so weit: Die Bildungskatastrophe steht vor der Tür. Nicht etwa, weil die Schulen vor lauter pädagogischer Erneuerung vergessen hätten, was ihre eigentliche Aufgabe ist. Nein, diesmal werden die Unkenrufer laut, weil zu wenig modernisiert worden sei. „Digitalisierung!“, schallt es aus allen Rängen der Bildungsbetroffenen, die die technologischen Defizite von Schulen und Lehrern im zwangsverordneten „Homeschooling“ gerade zu spüren bekommen. Plötzlich will es jeder schon immer gewusst haben: Hätten wir von Anfang an konsequent digitalisiert, gäbe es jetzt diese Probleme nicht: Lehrer, die nicht wüssten, was eine Videokonferenz ist, Lernserver, die zusammenbrächen, analoge Ausstattungen aus dem letzten Jahrhundert – die Berichte aus der neuen Schulwirklichkeit sind selten frei von Spott, vielerorts aber Anlass genug, Alarm zu schlagen.

          Für den „Spiegel“ ist der jüngste Befund völlig klar: „Schulversagen“. Die Krise entlarve schonungslos die Mängel „unseres antiquierten Bildungssystems“. Bürokratie und „Papiermenschen“ verhinderten „echtes E-Learning“, Online-Plattformen würden zu wenig genutzt, Tablets nicht verteilt. Richtig ist: Deutsche Schulen (und im Übrigen auch Hochschulen) sind gewiss keine digitalen Vorreiter. Seit wann aber herrscht dieser unwidersprochene Konsens, mit der Digitalisierung lösten sich alle drängenden Probleme der Schule wie von selbst? Was ist mit den vielen kritischen Stimmen, die vor einem blinden Digitalisierungsrausch warnen? Pädagogen, die sicher nicht wegen ihrer Rückständigkeit auf nachlassende Konzentrationsfähigkeiten der Schüler verweisen, auf eine sinkende Aufmerksamkeitsspanne und permanente Ablenkung durch die Omnipräsenz der digitalen Geräte: Ist das alles vergessen?

          Die Corona-Krise erfordert in bislang ungekanntem Ausmaß digitalen Unterricht. Das ersetzt aber nicht analoges Lernen, das ebenso wichtig bleibt: mit handschriftlichen Übungen, Arbeitsheften, Schulbüchern. Wenn die Schüler damit Schwierigkeiten haben, gibt es alle möglichen Gründe dafür: schlechte Arbeitsbedingungen zu Hause, mangelnde Fähigkeiten, zu wenig Übung, vor allem aber erhebliche Defizite im selbständigen Arbeiten. Das erfordert eine Konzentration, die genau das Gegenteil digitaler Zerstreuung ist. Wer jetzt schon zu wissen glaubt, nach Corona könnten die Schulen nicht mehr so weitermachen wie bisher, ist gut beraten, sich unter den angeblich so antiquierten Methoden des Lehrens eine anzuschauen, die nun plötzlich schmerzlich vermisst wird: die Anleitung durch den Lehrer. Man nennt das auch Frontalunterricht.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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