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Digitale Zukunft : Das Internet wird wohl nie verstanden werden

Beide schufen mikroskopische Ideen mit makroskopischen Effekten: Tim Berners-Lee, Erfinder des World Wide Web, und Ray Kurzweil, dessen Software-Innovationen die Welt verändert haben. Beide trafen sich virtuell auf dem Zukunftsforum in Dresden und entwarfen eine neue digitale Welt.

          Zwei Pioniere der digitalen Vergangenheit tasten sich in den Möglichkeitsraum unserer digitalen Zukunft vor: Der eine Tim Berners-Lee, Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Erfinder des World Wide Web, betont rational und gefasst, stets abwägend. Der andere: Ray Kurzweil, Erfinder der „Reading machine“ und leidenschaftlicher IT-Visionär, ausgestattet mit einer geradezu übermenschlichen Phantasie und einer unnachahmlichen Bühnenpräsenz, geht geradezu stürmisch vor.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wir befinden uns in Dresden auf dem vierten Zukunftsforum im internationalen Kongresszentrum (siehe Homepage des Dresdner Zukunftsforums). Das heißt: Eigentlich sind wir nicht da, die Kamera und das Mikrofon sind für uns da. Per Livestream beobachten wir, wie zuerst Kurzweil, später Berners-Lee und dann auch noch beide zusammen mit Moderator Ranga Yogeshwar, das virtuelle Spielfeld ausmessen, in dem sich die sogenannte Informationsgesellschaft bewegt. Eins ist klar: Nichts wird, wie es ist, so wenig wie es ist, was es einmal war.

          Keiner versteht, wie es funktioniert

          Ein Computer so groß wie ein Haus und eine Million Dollar wert, das waren Kurzweils Anfänge in den Ende siebziger Jahren, als er am MIT studierte und die Idee rein elektronischer Musikinstrumente entwickelte. Das Ergebnis war der „Kurzweil K250 Synthesizer“. Software-Innovationen folgten alsbald.

          Das war, als Berners-Lee noch am Cern in Genf an Programmiersprachen herumfummelte, die später zum Grundstein für Forscherkommunikationsnetze wurden. Der gemeinsame Nenner dieser frühen Tage: Ihre Konzepte und Entwicklungen schossen in den Himmel: Exponentielles Wachstum der digitalisierten Informationstransfers.

          Berner-Lees Netzwerkteilnehmer und Servereinheiten verzehnfachten sich alle paar Monate. Die Beschleunigung entsprach Kurzweils rasender Kreativität. 1994, sagt Berners-Lee, war der entscheidende Punkt erreicht: Der Erfinder, kurz vorher noch als kräftiger „Anschieber im Bob“ der wichtigste Mann, sieht, wie sich sein Projekt verselbständigt. Die Technik rennt davon, der Kommerz usurpiert das Material, auch das geistige, und macht etwas Marktfähiges, etwas gesellschaftlich Großes daraus. „Es waren mikroskopischen Ideen mit makroskopischen Effekten“.

          Ausgereift ist das Web für Berners-Lee natürlich bis heute nicht. Magisch sei es. „Keiner versteht, wie es funktioniert, immer noch nicht.“ Und das vielleicht für alle Zeiten. Denn bevor es je im heutigen Zustand verstanden sein wird, hat es sich längst überlebt. Die Entwicklung galoppiert weiter, und beide haben sich darüber so ihre Gedanken gemacht - darüber, was sie sich vorstellen können, was sie sich erhoffen.

          Ein Gläubiger von Second life

          In einem sind sich beide einig: Das mobile Internet ist unaufhaltsam, es ist die digitale Zukunft schlechthin. Berners-Lee sagt warum: „Weil es Zugang für jeden schafft.“ Schaffen könnte - denn immer noch sind zwanzig Prozent der Menschheit nicht im Netz unterwegs. Berners-Lee, der sich von den Netzteilnehmern und -betreibern die Ausbildung eines „sozialen Sinns und damit einer neuen evolutionären Stufe im Internet wünscht, hat klare Vorstellungen davon, welche gesellschaftliche Rolle das World Wide Web in Zukunft spielen soll: Erstens Wissen für die gesamte Menschheit zugänglich machen, zweitens vollkommene Transparenz, das heißt: offene Datenkanäle und Pools für alle, sowie der globale Ausbau und die Verlinkung der sozialen Netzwerke, um Ideen und Kontakten die maximalen Expansionsmöglichkeiten zu ermöglichen. Eine Agenda, die im Wesentlichen in der von ihm mit gegründeten „Worldwideweb-Foundation“ hinterlegt ist.

          Kurzweils imaginäre Zukunft benötigt einen Schuss mehr Kreativität. Die „digitalen Vorhänge“, die dabei neu zu erfinden seien, um den Schutz der Privatsphäre zu sichern und das Ausschnüffeln durch Terroristen oder Provider einzugrenzen, sind für Kurzweil das Geringste. Die technischen Lösungen seien da, die Anwendungen derselben im elektronischen Marktplatz das eigentliche, der entscheidende, fehlende Schritt. Was Kurzweil in der digitalen Welt dagegen elektrisiert: Die Möglichkeit einer millionenfachen virtuellen zweiten Existenz.

          Kurzweil ist ein Gläubiger von Second life geblieben, sollen die anderen doch das virtuelle Leben begraben. Er bleibt seinem Avatar treu wie seinen Kindern: Als sein Avatar „Ramona Ray“ hofft Kurzweil, mittels weltweiter Vernetzung, seine digitalen Spuren überall zu hinterlassen. Allein die Informationseinheiten und digitalen Werkzeuge seines Gehirns, heruntergeladen auf einen Rechner und niemals alternd, würden sich in Zukunft verlieben. Sein Körper wird zur Projektion im Raum, millionenfach verbreitet über die Daten-Cloud im Netz und durch projiziertes Licht sichtbar gemacht - wo auch immer er geradezu zu leben und lieben bereit sein wird. Digitale Romantik im körperlosen Kosmos. Wann das passieren könnte? 2029, warum nicht, meint Kurzweil. Es lebe die Phantasie.

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