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Digitale Überwachung : Kopftrojaner?

Auch wenn sich manche so den Amtsschimmel vorstellen: Das Foto zeigt die Nachbildung des Trojanischen Pferdes vor Heinrich Schliemanns Geburtshaus Bild: dpa

Das Gespenst eines „Schultrojaners“ geht um - Verlage wollen künftig mit einer Plagiatssoftware Schulcomputer durchsuchen. Aber die Aufregung ist verfrüht.

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          Darf ein Verlag, der Schulbücher verlegt, überprüfen, ob seine Bücher an Schulen kopiert werden, ohne dafür bezahlt zu werden? Aus der Sicht der Verlagen und Verwertungsgesellschaften darf er das wohl. Es ist aber ein offenes Geheimnis, doch nicht konkret zu belegen, dass an Schulen immer wieder mehr kopiert wird, als es das Urheberrecht zulässt. Es ist die Rede von einem großen Schaden bei Verlagen und ihren Autoren. Die VG Wort und der Verband der Bildungsmedien haben darum im Dezember 2010 mit den Kultusministerien der Länder, den Dienstherren der kopierenden Lehrer, einen Vertrag abgeschlossen, dass künftig - frühestens 2012 - etwa ein Prozent aller öffentlichen Schulen überprüft werden.

          Regina Mönch
          Freie Autorin im Feuilleton.

          Es soll, steht im Vertrag, nur geprüft werden, ob Unterrichtsmittel und Schulbücher digitalisiert wurden, ohne die Urheber dafür zu bezahlen. Die Verlage wollen dafür eine Plagiats-Software entwickeln. Das ist noch nicht geschehen. Der Alarm, den Datenschützer und Netzwerker jetzt auslösten, kommt zu früh. Die Verlage versichern im Vertrag, dass diese noch unbekannte Software selbstverständlich "technisch und datenschutzrechtlich unbedenklich sein muss". Darauf verlassen sich auch die Schulbehörden. Trotzdem ist nun von einem "Schultrojaner" die Rede, von Watergate im Klassenzimmer und dergleichen mehr. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft reagierte empört. Inzwischen heißt es aus der GEW-Zentrale, man wolle sich das alles doch erst genauer anschauen. Gelassener reagierte die Berliner Schulverwaltung, die für Kopien an die Verwertungsgesellschaften jedes Jahr pauschal 400 000 Euro zahlt. Wenn diese Software entwickelt sei, wenn Datenschützer sie als unbedenklich einstuften, sagt Renate Stoffers, Sprecherin der Berliner Behörde, werde man prüfen, ob sie mit dem Dienstrecht vereinbar sei, und die Personalvertretungen einbeziehen. Schulen, die erwischt würden, würden eines Tages zur Verantwortung gezogen.

          Aber das ist Schnee von übermorgen. Die Überprüfungen, das ist im Vertrag nachzulesen, wird der Schulträger vornehmen. Wer die anonymisierten Daten speichert, ist nicht entschieden; dass es dabei nach Recht und Gesetz zugehen wird, ist Aufgabe der Datenschützer. Die Verlage, so der Verband Bildungsmedien, werden die Ergebnisse dieser Stichproben nicht sehen, sie erhalten laut Vertrag einmal im Jahr einen Bericht über Rechtsverletzungen. Wo sie begangen wurden, bleibt ihnen unbekannt. Der Verband versichert glaubhaft, dass es sich hier um nichts weniger als einen Trojaner handle, denn es werde weder heimlich noch permanent jedweder Schulcomputer durchforscht, sondern einige öffentliche Schulserver auf verbotene digitale Schulbuchkopien. Die Behauptung, man wolle private E-Mails von Lehrern erfassen, sei falsch.

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