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Digitale Schweiz : Keine Angst vorm gläsernen Glättli

  • -Aktualisiert am

Ein Schweizer Politiker hat sich fürs Internet digital entblößt und mittels Metadaten sogar das geheime Rechenzentrum der Schweiz verraten. Doch das Alpenland verharrt im digitalen Schlummer.

          Als erster Eidgenosse hat der grüne Abgeordnete Balthasar Glättli von seinem Telefonprovider alle Daten bekommen, deren obligatorische Speicherung auf zwölf Monate verlängert werden soll. Das neue Gesetz soll auch Staatstrojaner erlauben. Auf Glättlis Profil, das mit den Informationen von Twitter und Facebook angereichert wurde, lässt sich verfolgen, wo er sich wann befand. Mit wem er Mails austauschte, mit welchen Journalisten er telefonierte, wann er seiner Freundin eine SMS schickte. Sein Beziehungsnetz wird sichtbar. Und so ganz nebenbei verraten seine Bewegungen, dass das geheime Rechenzentrum der Schweiz, das er als Mitglied der parlamentarischen Datenschutz-Kommission besuchte, ausgerechnet im Gotthardmassiv verbunkert ist.

          Irgendwo im „Réduit“, das im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen verteidigt worden wäre und seither im Kampf gegen Europa und auch noch gegen die „Masseneinwanderung“ mobilisiert wird. Aber nicht einmal mehr der Verrat militärischer Geheimnisse weckt die Eidgenossen aus ihrer digitalen und ideologischen Entfremdung. Als Warnung und Exempel hatte sich Balthasar Glättli zum gläsernen Bürger gemacht.

          Fremde Richter haben uns nichts zu sagen

          Doch folgenlos verpufft der spektakuläre Protest. Chancenlos, befand der „Tages-Anzeiger“, sei die Opposition gegen das neue Fernmeldegesetz in der Öffentlichkeit und im Parlament. Bei Fragestunden zur Datensicherheit, zu Edward Snowden – für den Glättli politisches Asyl fordert – und die NSA glänzte der Verteidigungsminister durch Abwesenheit. Den Europäischen Gerichtshof, der sich kürzlich gegen die Vorratsdatenspeicherung aussprach, lehnen die Schweizer aus Prinzip ab: Fremde Richter haben uns nichts zu sagen.

          „Der Missionar überzeugt nur seine Gläubigen“, überschrieb der „Tages-Anzeiger“ seine Zusammenfassung der von Balthasar Glättli ausgelösten Debatte. Ausgerechnet der antitotalitäre Aufklärer, der das Gottvertrauen in Google und die Schweiz in Frage stellt, wird als Missionar empfunden. Weil er die eingeborenen Eidgenossen von ihrem angestammten Glauben abbringen will? Wer nichts zu verbergen hat, darf transparent sein, lautet der Tenor der Kommentare zu Balthasar Glättlis Aktion. Dahinter muss eine heimliche Sehnsucht stecken. In dieser absurden, anonymen Welt der zerfallenden Grenzen, Gesetze und Gebote interessieren sich zumindest Google, die Geheimdienste und die Telefongesellschaften für die im Netz verlorenen Schäfchen. Von denen sie alles wissen: ihre Gedanken, Worte und Taten.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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