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Digitale Lebenswelten : Wer bin ich, was will ich und warum?

Unser aller Haus der Zukunft? Bild: dpa

Das „T-Com-Haus“ in Berlin ist ein Fertighaus als Protoytp des neuen Lebens. Jedes Haushaltsmitglied kann dank digitaler Helfer seine eigene Welt um sich herum bauen, ohne die der anderen zu berühren.

          4 Min.

          Mitten in Berlin steht zwischen Potsdamer Platz und Alexanderplatz seit kurzem ein von Kunstrasen umgebenes Fertighaus, wie man es sonst nur weit draußen an der Peripherie, in eigens dafür vorgesehenen Kunstrasen- und Fertighausarealen vorfindet.

          Mark Siemons
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Das Gebäude, das nachts auch noch in bläulich-violettem Licht erstrahlt, sieht aus, als hätten Invasoren aus dem Weltraum es dort abgestellt. In Wirklichkeit war es die Telekom. Das Fertighaus ist der Prototyp des neuen Lebens, das die Telefongesellschaft zusammen mit ihren Partnern Siemens, Neckermann und WeberHaus demnächst jedem Endverbraucher möglich macht.

          Die Bewohner werden ausgelost

          Vorerst ist es jedes Wochenende nur den wenigen „Probewohnern“ zugänglich, die unter den, wie zu hören ist, zahlreichen Bewerbern ausgelost werden. So stellt der exponierte Bau an der Ecke Leipziger Straße und Wilhelmstraße, von dem eine Webcam ständig aktuelle Bilder ins Internet liefert, zugleich ein Arkanum, einen Geheimbezirk des künftigen Glücks, dar; wie immer gehört die Avantgarde am Anfang bloß den Eingeweihten, die wie in Shakespeare „Sturm“ rufen dürfen: „O Wunder! Was gibt's für herrliche Geschöpfe hier! Wie schön der Mensch ist.“ Der Rest kann auf der gläsernen Umrandung des Hauses die Verheißung lesen „So einfach wird Ihr Leben“ und nebenan im Museum für Kommunikation eine offenbar von der Telekom finanzierte Ausstellung namens „com@home“ über das „Übermorgen der Wohn- und Kommunikationskultur“ besichtigen.

          Der digitale Assistent hilft stets weiter
          Der digitale Assistent hilft stets weiter : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Auch wer das „T-Com-Haus“ selbst betritt, kann dessen Geheimnis noch längst nicht ohne weiteres entschlüsseln. Dazu ähnelt die Einrichtung zu sehr den Bildern der gängigen Einrichtungsmagazine: viel Glas, etwas Holz, ineinander übergehende Räume, weißes Sofa, Topfpflanzen und in der ersten Etage ein Laufsteg zum Balkon. Die einzelnen Funktionen sind dezent mit Farben markiert: das Wohnzimmer rot (Energie, Motivation), das Schlafzimmer blau (senkt den Blutdruck), pink, also prickelnd, der Fitness-Raum. In den wenigen Regalen stehen Bände der von der „Süddeutschen Zeitung“ herausgebenen Romanbibliothek. Ein Haus ohne Eigenschaften also, was nicht weiter verwundert, da es sich ja allen möglichen noch unbekannten Kundentypen anschmiegen soll.

          Relax, Refresh, Dinner oder Hang Around

          Doch die Neutralität ist Programm. Zu den Clous des schönen neuen Telekom-Lebens gehört nämlich, daß jeder einzelne Bewohner das Ambiente seiner jeweiligen Stimmung anpassen kann. Ist ihm also romantisch zumute, dreht er den eigens dafür vorgesehenen Projektionswürfel auf die Romantik-Seite, und schon verbreiten die überall herumstehenden Kugellampen schummriges Licht, aus der Dolby-Surround-Anlage dringen einschmeichelnde Klänge, und auf dem großen Bildschirm an der Wand gehen rötlich warme Formen ineinander über. Genauso läßt sich das „Mood-Management“ auf die Funktionen Relax, Refresh, Dinner oder Hang Around einstellen.

          Diese Möglichkeit relativiert die Wohnung in ihrer hergebrachten, also physisch faßbaren, Gestalt erheblich: Diese ist bloß noch eine leere Benutzeroberfläche, in die sich jeder gemäß seinen aktuellen Gefühlen, Bedürfnissen und Selbstbildern eintragen kann. Kein überflüssiges Papier (Zeitung wird hier natürlich nur als E-Paper gelesen), keine unnötige Materialität belastet die Existenz, alles ist aufgeräumt, licht und leicht, offen für jegliche Veränderung. Die Individualität hat sich ins Sphärische hineinverlagert, sie läßt sich ebenso leicht revidieren und aufheben, wie sie gesetzt wurde.

          Jedem sein eigener Mood-Regler

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