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Digitale Kindheit : Ohne Butterblume

  • -Aktualisiert am

Viele Kinder kennen die Natur nur noch vom Bildschirm. Bild: AP

Kindheit ist immer mehr von Bildschirmen geprägt. Bereits Kleinkinder wissen, wie man Touchscreens bedient. Das schlägt sich nun auch in Jugendlexika nieder.

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          Der amerikanische Autor Richard Louv hat bereits vor zehn Jahren in seinem Buch „Das letzte Kind im Wald“ behauptet, die zunehmende Entfremdung von der Natur habe Verhaltensstörungen zur Folge, die er mit dem Begriff „Natur-Defizit-Störung“ kennzeichnete. Zu den Merkmalen der unter anderem aus dem Sog des Bildschirms und der überfürsorglichen Gesellschaft resultierenden Verhäuslichung von Kindern zählte Louv Konzentrationsschwäche, Depression, Fettleibigkeit sowie ein höheres Vorkommen einer breiteren Spanne physischer und psychischer Störungen.

          Auf den Zusammenhang zwischen Naturerfahrung und dem Wohlergehen von Kindern berufen sich jetzt auch namhafte Autoren wie Margaret Atwood, Andrew Motion, Michael Morpurgo sowie Robert Macfarlane, einer der führenden Vertreter der eine Blütezeit erlebenden literarischen Gattung des „nature writing“, die der Oxford University Press ins Gewissen reden wollen. In einem offenen Brief beklagen sie, dass zahlreiche mit Natur verbundene Wörter wie Eichel, Butterblume, Rosskastanie, Hasenglöckchen oder Brombeere aus einer 2007 veröffentlichten und 2012 neu aufgelegten Edition eines an acht- bis zwölfjährige Kinder gerichteten Lexikons entfernt und ersetzt worden sind durch Begriffe aus der urbanisierten Internetwelt wie Blog, Chatroom, analog oder Breitband.

          Natur für Kultur

          Die rund dreißig Unterzeichner fordern die Wiedereinsetzung der gestrichenen Wörter, nicht bloß aus dem romantischen Bedürfnis heraus, die eigenen rosigen Kindheitserinnerungen an die heutige Jugend zu vermitteln, sondern auch, weil sich die uralte Kopplung zwischen Natur und Kultur zum Nachteil der Gesellschaft aufzulösen drohe. Zwar erkennen die Autoren die Notwendigkeit an, dem Zeitenwandel Rechnung zu tragen, doch finden sie bedenklich, dass viele der neu aufgenommenen Begriffe in Verbindung stehen mit den „nach innen gewandten, einsamen Kindheiten von heute“.

          Bezeichnend ist freilich auch, dass viele christliche Begriffe wie Altar, Mönch, Psalm oder Kanzel fehlen, Kaiser, Krönung und Herzog nicht mehr vorkommen und Märchenfiguren wie Kobold und Elf getilgt worden sind. Die Unterzeichner appellieren an den Verlag, durch die Wiederherstellung der wichtigsten Naturbegriffe ein kulturelles Signal zu setzen, statt bloß die Zeitströmungen zu spiegeln. Eine Studie hat ermittelt, dass nur noch zehn Prozent der Kinder in der freien Natur und ganze vierzig Prozent niemals draußen spielen. Sie erleben die Natur allenfalls auf dem Bildschirm - oder durch Bücher.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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