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Diesseits von Afrika : Der Vorteil des Doppelpasses

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Brauchen wir überhaupt noch eine Nationalhymne auf dem Platz? Vielleicht spielt Mesut Özil deshalb so gut, weil er lieber Koranverse betet statt mitzusingen Bild: dpa

Pünktlich zur Weltmeisterschaft heißt es wieder begeistert Fahneschwenken. Um einen neuen Patriotismus kann es dabei nicht gehen. Heimat ist im Fussball längst nur ein fiktiver Begriff.

          Nach der Satzung des Weltfußballbundes Fifa spielen beim Turnier in Südafrika Auswahlmannschaften von Nationen gegeneinander. Die Praxis sieht oft ganz anders aus: Spieler, die nicht aus den Ländern stammen, für die sie antreten, werden von Trainern wieder anderer Sprache und Herkunft vorbereitet, um für Fans zu spielen, die nach der Migration ihrerseits ganz woanders leben und sich nur über den Fußball einer fiktiven Heimat verbunden fühlen, die einzig noch aus den bunten Wappen auf den Trikots besteht.

          Es ist der Triumph einer nationalen Fiktion in einer Kultur des Individuellen. Viele Spieler haben sich nach den Geburtsländern ihrer Großmütter oder per Schnelleinbürgerung für dieses Turnier qualifiziert und hören ihre neue Nationalhymne auf dem Platz zum ersten Mal; etliche sprechen nicht die Sprache ihrer Fußballheimat. Statt Schiedsrichtern könnte die Fifa ebenso gut Doppelpassbeamte auf dem Feld beschäftigen.

          Der künstlich in Fahnen gewickelte Fußball repräsentiert nun einmal die migratorische und fiskalische Beweglichkeit von uns listigen Primaten. Seit je wurde auf nationale Entitäten nur oberflächlich Rücksicht genommen; sonst hätten Schottland und Wales bei den Ausscheidungen nicht spielen dürfen. Viele Katalanen schielen neidisch auf das Teilnahmerecht von Regionen.

          Geschah die Wiedervereinigung vorschnell und unüberlegt?

          Auch das heutige Belgien wäre in Gestalt von Flandern oder wenigstens der Wallonie sicher dabei gewesen, was ja auch den Sensationserfolg der Slowakei erklärt: Die Tschechen triumphierten im Eishockey, ihre östlichen Brüder erledigten im Fußballspiel Italien. Die sportlichen Jugoslawen, die es im Verbund immerhin zu einem Europameistertitel geschafft haben, treten fußballerisch jetzt im Rudel an - mit dem Erfolg zweier qualifizierter Teams aus Serbien und Slowenien. Korea machte aus den rivalisierenden Teilstaaten sogar zwei Teilnehmer.

          Nur die Deutschen haben diesen bunten Separatismus wieder einmal verschlafen. Statt sich wie noch 1974 mit DDR und BRD für den Weltmeistertitel warmzuspielen, beraubten wir uns durch die Wiedervereinigung kurzsichtig eines wertvollen Startplatzes - und lassen bis heute bei uns geborene und ausgebildete Kicker für die Gegner spielen. Wo stünden wir erst im Weltfußball, wenn - wie einst - das Saarland separat antreten dürfte!

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