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Nigerias Nobelpreisträger über Boko Haram : Dieser Kampf ist unser Kampf

  • -Aktualisiert am

Solidarität mit den Entführten auf einer Demonstration in Washington Bild: AFP

Der Terror von Boko Haram ist den Muslimen in Nigeria fremd. Er wird möglich, wo sich die Politik in Angst und Zynismus ergeht. Der nigerianische Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka appelliert an die Widerstandskraft seiner Heimat.

          7 Min.

          Boko Haram steht für die ultimative Fatwa unserer Zeit. Diese Fatwa richtet sich gegen unsere gesamte raison d’être, gegen die Mission und Rechtfertigung unseres produktiven Daseins. Aber steht die Boko-Haram-Fatwa auch nur entfernt für die zum Ausdruck gebrachte Haltung der Mehrheit der Muslime unseres Landes? Nach meinen Erfahrungen der letzten Jahre ist diese Frage eindeutig mit nein zu beantworten.

          Immer wieder hat sich gezeigt, dass die Aussage, die im Titel des Buchs von Karima Bennoune, „Eure Fatwa hat hier keine Geltung“, zum Ausdruck kommt, das Manifest darstellt, mit dem muslimische Intellektuelle, Politiker und Gemeindeoberhäupter, die sich offen zu Boko Haram äußern, immer wieder zu Wort gemeldet haben. „Sie sind keine wahren Muslime“, ist zum ständigen Mantra geworden, vom Nordwesten bis zum Westen und über den Niger bis tief in den Süden. In der jüngsten Nachricht dieser Art heißt es, der Gouverneur des Bundesstaats Osun, ein Muslim, habe „die Muslime sichtbar erzürnt dazu aufgerufen, sich gegen die im Namen der Religion von den fundamentalistischen Gruppe verübten Greueltaten zu wenden“, und kategorisch erklärt: „Wir müssen entschieden gegen die Kriecher protestieren, die sich hinter der Religion verstecken, um in unserem Land Schandtaten zu begehen, und das muss im ganzen Land geschehen. Wir lehnen all das ab, wofür Boko Haram steht. Unsere Religion lehnt alles ab, was diese üblen Leute im Namen des Islam vorhaben. Wir dürfen nicht schweigen, denn Boko Haram steht für das Böse.“

          Was bedeutet nun diese Ermahnung, die ihr Echo bei Emiren, islamischen Gelehrten, islamischen Räten, Politikern und Parlamentsabgeordneten gefunden hat? Das Mindeste, was die eng miteinander verbundenen Menschen des Buches – Verleger, Lehrer, Denker aller Glaubensrichtungen – tun können, ist, alle Möglichkeiten zu nutzen, um das Wort in allen erdenklichen Formen zu verbreiten, zumal die Geschichte uns Beispiele von Menschen vor Augen führt, die den Geist nicht mobilisierten, als die Angriffe auf den Raum der Ideen noch in den Anfängen steckten. Diese Stimmen erklären jetzt, wenn auch etwas verspätet, dass die Erlasse von Boko Haram – kurz gesagt: die Fatwa – wertlos und für den Rest der Gesellschaft inakzeptabel sind. Bennounes Buch oder das, was der Titel zum Ausdruck bringt, ist die Charta der Ablehnung, die die Algerier als Volk in ihrem mehr als zehnjährigen Freiheitskampf den mörderischen Fundamentalisten entgegenschleuderten. Für uns andere stellt es eine kollektive Aufforderung dar, sogar noch über den Inhalt des Werks hinauszugehen und seine Lehren in unserem Leben umzusetzen. Weniger tun hieße billigen, dass Boko Haram den Willen der ganzen Menschheit zum Ausdruck brächte.

          Das Gesicht des Bösen: der Anführer der Boko Haram Abubakar Shekau auf dem Video, mit dem die Terrorgruppe die Entführung der Schulmädchen bekannte
          Das Gesicht des Bösen: der Anführer der Boko Haram Abubakar Shekau auf dem Video, mit dem die Terrorgruppe die Entführung der Schulmädchen bekannte : Bild: AP

          Wir können nicht empfehlen, alle sollten sich den uniformierten Streitkräften anschließen, die ihre Rettungseinsätze in Höhlen und Sümpfen im Urwald durchführen, nicht nur um den Feind zu vernichten, sondern, im Augenblick, um unsere Kinder zu retten, die man mit Gewalt aus ihren Bildungseinrichtungen geraubt hat, um sie – wir wollen nicht darum herum reden, sondern dem ganzen Schrecken ins Auge sehen, damit wir das Unheil erkennen, das uns als Volk bedroht – zu Sexsklaven irgendeines ungewaschenen Hundes zu machen. Diese Kinder werden massive Hilfe benötigen, wenn sie wieder zu Hause sind. Wer sich jetzt verweigert, verrät unsere eigenen Nachkommen und stärkt die fortgesetzten Verbrechen gegen unsere Menschlichkeit. Es gibt keine Alternative: Wir müssen den Kampf zum Feind tragen. Und das ist keine leere Rhetorik – das Schlachtfeld geht über das physikalische Terrain hinaus. Wir befinden uns in einem Kampf für den Geist – denn dort beginnt alles, und dort wird der Kampf am Ende entschieden. Dieses Schlachtfeld ist nicht eines der bloßen Phantasie, sondern eines der Erinnerung und der Geschichte, unserer Geschichte.

          Es mag Hunderte von Soldaten da draußen in den Urwäldern von Borno, Adamawa und Yobe geben, aber dieser Kampf ist weitgehend, ja in erster Linie unser Kampf, und wir sollten ebenso viel Mut beweisen wie jene, die bei der Verteidigung dessen sterben, was uns Schriftstellern und Lesern das Wertvollste ist. Zumindest möchte ich das glauben, nämlich dass nichts unserer Selbstverwirklichung so nahe kommt wie die Befreiung des Geistes dort, wo er durch Abschottung bedroht ist. Darum geht es. Im Zentrum unserer Not steht genau das, was den Kern der Not unserer Schulkinder ausmacht, die gerade jetzt durch gefährliche Urwälder laufen, ohne jemals ein Verbrechen begangen zu haben. Wir haben sie in die Schule geschickt. Wir müssen dafür sorgen, dass sie in die Schule zurückkehren.

          Warum tat unser Land sich mit anderen Ländern Westafrikas zusammen, um außerhalb der eigenen Landesgrenzen jenen Fanatikern Einhalt zu gebieten, deren überhebliches Ziel es ist, eine blutige Schneise durch unsere Gemeinschaften des Lernens, der Toleranz und des friedlichen Zusammenlebens zu schlagen? Haben wir die Zerstörung monumentaler Buddhastatuen, historischer Monumente und Grabstätten in Timbuktu mit ihren uralten Manuskripten bereits vergessen – Stätten islamischer Gelehrsamkeit, die älter sind als die Meisterwerke des europäischen Mittelalters? Die wahren Muslime, die echten Nachfolger des Propheten Mohammed, rühmen sich selbst, das Volk des Buches zu sein – daher diese liebevoll aufbewahrten Manuskripte in Timbuktu, die Generationen von Muslimen behütet und gepflegt haben. Auf wessen Seite stellen wir uns, wenn Kinder in ihren Schulen in die Luft gesprengt und abgeschlachtet, Lehrer und Eltern gejagt werden, weil sie es wagen, die philisterhafte Fatwa zu missachten, die jegliche Bildung verbietet? Bleiben wir in unseren Kasernen? Und ich meine nicht nur die Soldaten.

          Keine Zeit für Tänze

          Denn das alles hat nicht erst heute begonnen. Wir sprechen hier von einem Krieg, der schon vor vier Jahren seinem grauenhaften Höhepunkt zustrebte. Dass er heute mit der Entführung von Schülerinnen, die dem Feind als Lasttiere dienen müssen, ein so alarmierendes, unsere menschlichen Gefühle betäubendes Ausmaß erreicht hat, kann über vergangene Fehler, über Schweigen und sogar stillschweigende Kollaboration nicht hinwegtäuschen. Selbst wenn wir es versuchten, könnten wir unmöglich unsere Augen vor dem Schrecken verschließen, dem unsere Kinder tagtäglich ausgesetzt sind durch die Angst, stellvertretend oder uns zur Lehre Qualen erleiden zu müssen.

          Gestatten Sie mir, der Führung dieses Landes eine einfache und ganz direkte Übung in Einfühlung anzutragen. Bitte stellen Sie sich vor, Sie lägen selbst im Krankenhaus, als eines von mehr als tausend Opfern des letzten Blutbads in Nyanya. Sie können sich weder bewegen noch sprechen und allenfalls mit den Augenlidern zucken. Die Gäste strömen herein, einer nach dem anderen: lokale Vertreter des Staates, Minister, Abgeordnete, Gouverneure, Prälaten, bis hinauf zur Spitze der Machtpyramide, dem Staatspräsidenten. Sie machen ihnen sogar Versprechungen – kostenlose medizinische Behandlung, Rehabilitation und so weiter. Die Besucher verabschieden sich, und Ihre Stimmung hat sich gehoben, Sie fühlen sich nicht mehr deprimiert und allein.

          Fürsorglich auf Augenhöhe angebracht, hängt an der gegenüberliegenden Wand ein Fernseher, den man eingeschaltet hat, um Sie von Ihrer Traumatisierung abzulenken und Ihrem Geist eine Fluchtmöglichkeit aus Ihrem ansonsten deaktivierten Zustand zu bieten. Ein paar Stunden, nachdem Ihre erlauchten Besucher gegangen sind, öffnen Sie die Augen und sehen dort, live übertragen, wie diese einstigen Besucher sich frisch und fröhlich ein paar hundert Kilometer entfernt an einem ausgelassenen Häuptlingsfest beteiligen. Ein paar Stunden später sehen Sie dieselben Führer auf einer Wahlkampfveranstaltung, wo sich der oberste Treuhänder einer Volksfürsorge öffentlich über eine angebliche Zweckentfremdung seiner Wahlkampfgelder beklagt. Dieser nationale Führer beendet seinen Auftritt schließlich mit einer virtuosen Tanzeinlage, die selbst Michael Jackson vor Neid hätte erblassen lassen.

          Lektionen in Einfühlung: der nigerianische Schriftsteller und Nobelpreisträger Wole Soyinka
          Lektionen in Einfühlung: der nigerianische Schriftsteller und Nobelpreisträger Wole Soyinka : Bild: AP

          Ich bitte Sie nur um eine einfache Übung in menschlicher Einfühlung und frage Sie: Was dächten Sie, wenn Sie dieses Opfer wären? Was empfänden Sie? Das ist alles. Wenn Sie den hohen Besuch im Geist noch einmal Revue passieren ließen, hätten Sie dann vielleicht das Gefühl, der ganze Besuch wäre nur Augenwischerei gewesen, diese besorgten Besucher hätten nur für ein politisches Fotoshooting posiert, den Gesichtsausdruck sorgfältig kalkulierend, während sie im Kopf schon längst beim nächsten Auftritt auf der politischen Schaubühne waren? Oder dächten Sie, dies sei doch eine Zeit, in der das Land sich unter Führung seines Präsidenten in Sack und Asche hüllen müsste – natürlich nur bildlich gesprochen? Und vergessen wir nicht, dass dieser schlimme Tag in Nyanya über das Einsammeln von Körperteilen hinausging, zu denen auch Ihre Glieder leicht hätten gehören können, denn da sind auch noch die zweihundert gewaltsam entführten Schulkinder, zu denen gleichfalls leicht Ihre Kinder hätten gehören können. Dächten Sie vielleicht, statt auf die Tanzfläche zu gehen, hätte ein nationaler Führer besser rund um die Uhr Dringlichkeitssitzungen zur Rettung dieser Mädchen leiten und das ganze Land mobilisieren sollen – und mit „das ganze Land“ meine ich „das ganze Land“, einschließlich des Aufrufs an freiwillige Helfer, das Militär bei seiner Arbeit zu unterstützen, um so das Ende der langen Zeit des Verleugnens und die völlige Veränderung der Führungsmentalität bei der Reaktion auf Abnormitäten zu demonstrieren, zu denen es stets kommen kann, selbst in den höchstentwickelten Gesellschaften.

          Die heutigen Schlagzeilen in den Medien sprechen von fast zweihundert vermissten Kindern. Selbst wenn es nur zwanzig oder zehn oder ein einziges wären – ist das der rechte Zeitpunkt zum Tanzen? Was ist so dringend an einer Wiederwahlkampagne, das sich unter solchen Umständen nicht aufschieben ließe? Liegt das Kriterium der Wählbarkeit für ein öffentliches Amt in der Fähigkeit, zur Musik von Sunny Adé oder Dan Maya zu tanzen? Die ganze Welt schaut mit tränenerfüllten Augen auf uns; wir aber schauen in den Spiegel und beginnen eine Tanznummer.

          Was ist nur aus diesem Land, diesem bunt gefleckten Raum geworden? Es ist ein Wunder, dass manche immer noch einen grün-weiß-grünen Fetzen namens Flagge schwenken und laut eine äußerst phantasielose Melodie singen, die sich Nationalhymne nennt. Sie ist zu einer Totenklage geworden, zu nichts anderem als einer Totenklage, und was wir eine Flagge nennen, ist ein Leichentuch, das nun über dem Volk liegt – einem Volk, das nicht einmal zur würdigen Haltung der Selbstprüfung, der Selbstanklage und der Reue fähig ist, als Voraussetzung für Selbstkorrektur und Selbstverbesserung, falls die Führung denn wirklich bereit wäre, die Führungsverantwortung zu übernehmen.

          Nicht alle nationalen Führer können wie Fujimori in Peru sein, der in der Krise einer Geiselnahme persönlich die Führung seiner Sicherheitskräfte übernahm – niemand verlangt von Präsidenten Großtaten. Aber jeder aufstrebende Führer muss in Krisenzeiten nicht weniger als ein Sammelpunkt für die öffentliche Moral und ein Vorbild für außergewöhnliche Kraftanstrengungen sein. Ich persönlich denke zurück an die Führungsrolle, die Präsident Jonathan einst in diesem Land in der Kampagne „Bringt das Buch zurück!“ übernahm, in deren Rahmen wir beide Hunderten von Kindern vorlasen. Und wo sind die Nachfolger dieser Kinder? Die Realität starrt uns ins Gesicht: Unter den wandelnden Verwundeten. Unter den wandelnden Toten. In Angst und Schrecken. Heute werden wir nicht einmal so anspruchsvoll sein, den Slogan „Bringt das Buch zurück!“ wiederzubeleben. Es wäre vollkommen ausreichend, ein erkennbares Engagement zu sehen bei der Antwort auf den gequälten Aufschrei: „Bringt die Kinder zurück!“

          Kaiser Nero spielte nur auf der Lyra, als Rom brannte. Es wird nicht berichtet, er hätte zu seiner eigenen Melodie auch noch getanzt. Dennoch gibt es einen Ausdruck für diese Art von Tanz: Er wird Totentanz genannt, und wir alle wissen, was das bedeutet.

          Aus dem Englischen übersetzt von Michael Bischoff.

          Wole Soyinka, 79, ist nigerianischer Schriftsteller. 1986 erhielt er den Literaturnobelpreis. Unser Text ist die gekürzte Version einer Rede, die er vor kurzem auf einer Buchmesse in Port Harcourt in Nigeria hielt.

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