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Nigerias Nobelpreisträger über Boko Haram : Dieser Kampf ist unser Kampf

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Lektionen in Einfühlung: der nigerianische Schriftsteller und Nobelpreisträger Wole Soyinka

Ich bitte Sie nur um eine einfache Übung in menschlicher Einfühlung und frage Sie: Was dächten Sie, wenn Sie dieses Opfer wären? Was empfänden Sie? Das ist alles. Wenn Sie den hohen Besuch im Geist noch einmal Revue passieren ließen, hätten Sie dann vielleicht das Gefühl, der ganze Besuch wäre nur Augenwischerei gewesen, diese besorgten Besucher hätten nur für ein politisches Fotoshooting posiert, den Gesichtsausdruck sorgfältig kalkulierend, während sie im Kopf schon längst beim nächsten Auftritt auf der politischen Schaubühne waren? Oder dächten Sie, dies sei doch eine Zeit, in der das Land sich unter Führung seines Präsidenten in Sack und Asche hüllen müsste – natürlich nur bildlich gesprochen? Und vergessen wir nicht, dass dieser schlimme Tag in Nyanya über das Einsammeln von Körperteilen hinausging, zu denen auch Ihre Glieder leicht hätten gehören können, denn da sind auch noch die zweihundert gewaltsam entführten Schulkinder, zu denen gleichfalls leicht Ihre Kinder hätten gehören können. Dächten Sie vielleicht, statt auf die Tanzfläche zu gehen, hätte ein nationaler Führer besser rund um die Uhr Dringlichkeitssitzungen zur Rettung dieser Mädchen leiten und das ganze Land mobilisieren sollen – und mit „das ganze Land“ meine ich „das ganze Land“, einschließlich des Aufrufs an freiwillige Helfer, das Militär bei seiner Arbeit zu unterstützen, um so das Ende der langen Zeit des Verleugnens und die völlige Veränderung der Führungsmentalität bei der Reaktion auf Abnormitäten zu demonstrieren, zu denen es stets kommen kann, selbst in den höchstentwickelten Gesellschaften.

Die heutigen Schlagzeilen in den Medien sprechen von fast zweihundert vermissten Kindern. Selbst wenn es nur zwanzig oder zehn oder ein einziges wären – ist das der rechte Zeitpunkt zum Tanzen? Was ist so dringend an einer Wiederwahlkampagne, das sich unter solchen Umständen nicht aufschieben ließe? Liegt das Kriterium der Wählbarkeit für ein öffentliches Amt in der Fähigkeit, zur Musik von Sunny Adé oder Dan Maya zu tanzen? Die ganze Welt schaut mit tränenerfüllten Augen auf uns; wir aber schauen in den Spiegel und beginnen eine Tanznummer.

Was ist nur aus diesem Land, diesem bunt gefleckten Raum geworden? Es ist ein Wunder, dass manche immer noch einen grün-weiß-grünen Fetzen namens Flagge schwenken und laut eine äußerst phantasielose Melodie singen, die sich Nationalhymne nennt. Sie ist zu einer Totenklage geworden, zu nichts anderem als einer Totenklage, und was wir eine Flagge nennen, ist ein Leichentuch, das nun über dem Volk liegt – einem Volk, das nicht einmal zur würdigen Haltung der Selbstprüfung, der Selbstanklage und der Reue fähig ist, als Voraussetzung für Selbstkorrektur und Selbstverbesserung, falls die Führung denn wirklich bereit wäre, die Führungsverantwortung zu übernehmen.

Nicht alle nationalen Führer können wie Fujimori in Peru sein, der in der Krise einer Geiselnahme persönlich die Führung seiner Sicherheitskräfte übernahm – niemand verlangt von Präsidenten Großtaten. Aber jeder aufstrebende Führer muss in Krisenzeiten nicht weniger als ein Sammelpunkt für die öffentliche Moral und ein Vorbild für außergewöhnliche Kraftanstrengungen sein. Ich persönlich denke zurück an die Führungsrolle, die Präsident Jonathan einst in diesem Land in der Kampagne „Bringt das Buch zurück!“ übernahm, in deren Rahmen wir beide Hunderten von Kindern vorlasen. Und wo sind die Nachfolger dieser Kinder? Die Realität starrt uns ins Gesicht: Unter den wandelnden Verwundeten. Unter den wandelnden Toten. In Angst und Schrecken. Heute werden wir nicht einmal so anspruchsvoll sein, den Slogan „Bringt das Buch zurück!“ wiederzubeleben. Es wäre vollkommen ausreichend, ein erkennbares Engagement zu sehen bei der Antwort auf den gequälten Aufschrei: „Bringt die Kinder zurück!“

Kaiser Nero spielte nur auf der Lyra, als Rom brannte. Es wird nicht berichtet, er hätte zu seiner eigenen Melodie auch noch getanzt. Dennoch gibt es einen Ausdruck für diese Art von Tanz: Er wird Totentanz genannt, und wir alle wissen, was das bedeutet.

Aus dem Englischen übersetzt von Michael Bischoff.

Wole Soyinka, 79, ist nigerianischer Schriftsteller. 1986 erhielt er den Literaturnobelpreis. Unser Text ist die gekürzte Version einer Rede, die er vor kurzem auf einer Buchmesse in Port Harcourt in Nigeria hielt.

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