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Was im Sommer noch wächst : Alles Essig

Das Bild täuscht: So schön sieht der Essigbaum höchstens und nur im Herbst aus. Bild: Picture-Alliance

In diesem Sommer verdorrt fast alles. Aber nur fast alles. Es gibt Pflanzen, die breiten sich aus, als sei nichts gewesen. Das sind aber nicht unbedingt jene, die man überall haben will. Ein Beispiel.

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          Er riecht. Oder besser gesagt: Er stinkt. Irgendwie muffig, nach Käsekeller. Er breitet sich aus, flächendeckend. Er sät sich selbst, schießt aus dem Boden und wächst im Nu zu stattlicher Höhe, acht bis zehn Meter sind in jedem Fall drin, bisweilen sogar fünfzehn Meter. Anspruchslos ist er auch noch, Wasserknappheit macht ihm nichts aus, was sich jetzt, in diesem Dürre-Sommer, als großer Vorteil herausstellt.

          Alle anderen Pflanzen müssen aufgeben, verdorren oder verschwinden, da wächst von diesem Baum ein ganzer Wald, und das an den unmöglichsten Stellen. Im Park, wo früher Rasen war, auf dem Grünstreifen an der Autobahn, wo der Rest der Vegetation einknickt, an der Bahnstrecke, auf jedem Zentimeter Brache, auf Schotter, in Asphaltritzen. Ist er erst einmal da, trifft er Vorsorge, nicht gleich wieder zu verschwinden, nur weil ein Exemplar aus dem Boden gezogen wird. Zupft man ein Bäumchen aus, sprießt ein paar Zentimeter weiter der nächste Wurzelschössling. Und der übernächste. Und der überübernächste. Es nimmt kein Ende. Wie bei der Quecke, deren Name ja schon für „zählebig“ steht. Da wird der Gärtner zum Sisyphus und braucht eine Menge innere Ruhe.

          Rhus typhina, der Hirschkolbensumach oder Essigbaum, ist ein Zuwanderer, der allerdings schon vor ziemlich langer Zeit bei uns eingetroffen ist. Auf 1620 wird seine Ankunft in Europa datiert, ursprünglich stammt er von der Ostküste Amerikas und Kanadas. Ob er da nicht auch bitteschön hätte bleiben können, darüber gehen die Meinungen auseinander.

          Während manche den Strauchbaum ob seiner Anmutung loben und seiner Fiederblätter (obwohl filzig behaart) und Blütenstände in Rot und Gelb und Grün wegen schätzen, hegen andere Hobbygärtner eher ungute Gefühle und tauschen sich in entsprechenden Selbsthilfeforen darüber aus, wie man den Essigbaum am besten loswird. Auf allen Vieren kriechen und Bodenkosmetik von Hand betreiben, das ist die eine Methode, die viel Ausdauer erfordert. Eine andere ist, sich im Gartencenter mit einer Runde „Round up“ einzudecken. Bei einem solchen Mitteleinsatz sind allerdings auch eine Menge anderer Pflanzen fällig. Man könne die Bäumchen doch einfach wachsen lassen und sich an ihrem Wuchs erfreuen, lautet der Tipp in einem Forum, in dem sich Freunde und Feinde des Essigbaums die Waage halten. Antwort darauf: Wem es gefällt, na klar. Es wächst dann freilich bald nichts anderes mehr.

          Der Essigbaum liebt den Verdrängungswettbewerb und beansprucht für sich eine Alleinstellung. Und in diesem Streben kommt ihm, nach unserer Beobachtung, die gegenwärtige Dürre sehr entgegen. Gelb und braun die Flächen, so weit das Auge reicht, nur der Essigbaum grünt so grün, als sei nichts gewesen. Allenfalls die Robinie macht ihm noch Konkurrenz. Die stinkt zwar nicht, hat aber sehr miese Stacheln.

          Im Indian Summer sehe der Essigbaum besonders schön aus, heißt es. Wenn wir den in diesem Jahr erreicht haben, wird dieser Baum in der Tat mit seinem Herbstkleid hervorstechen. Alle anderen werfen ihre Blätter ob der Hitze ja gerade jetzt schon ab.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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