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Die Wirkung des Terrors : Paris ist kein Wendepunkt

  • -Aktualisiert am

Soldaten bewachen Saint Denis. Bild: dpa

Der Schock über die Anschläge in Paris darf die Realität nicht überblenden, von der sie ablenken sollen. Warum die Wirkung des Terrorismus überschätzt wird. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Die Ereignisse in Paris waren ein Schock nicht nur für diejenigen, die unmittelbar von den Anschlägen betroffen waren. Aber die Erfahrung lehrt, dass Urteile und besonders Prophezeiungen, die einem solchen Zustand entstammen, mit Vorsicht zu behandeln sind. Ein Jahrzehnt ist vergangen seit den terroristischen Angriffen in London, Madrid und Bombay – die Liste ließe sich verlängern –, und in allen diesen Fällen hieß es, dass es sich dabei um Ereignisse von historischer Bedeutung handelte, um Wendepunkte, um den Beginn einer neuen Ära, dass von nun an dauernd mit solchen Angriffen zu rechnen wäre. Aber weder in Indien noch in England oder Spanien wurden diese Vorhersagen bestätigt, und auch in den Vereinigten Staaten hat es Angriffe vom Ausmaß des 11. September 2001 nicht wieder gegeben. So wird es aller Wahrscheinlichkeit nach auch in Frankreich sein.

          Psychologisch ist eine solche Reaktion durchaus verständlich. Die Attentate waren eine furchtbare Überraschung, und es schien daher durchaus wahrscheinlich, dass auf eine Überraschung andere folgen würden. Dieser Deutung sollte man jedoch widerstehen. Man darf das terroristische Potential nicht überschätzen.

          Die Alternative ist nicht Demokratie, sondern Chaos

          Wie aber lässt sich dann erklären, dass es überhaupt zu solchen gelegentlichen Angriffen kommt, die keine Wendepunkte sind und politisch von keiner besonderen Wirkung? Dafür mag es eine Anzahl von Erklärungen geben, von denen hier nur einige erwähnt werden können. Terroristische Bewegungen müssen ihren Mitgliedern von Zeit zu Zeit beweisen, dass sie aktiv sind. Auch hat es bei den Islamisten viele Spaltungen gegeben, und man muss den Konkurrenten dasselbe beweisen. Terroristische Anschläge im Nahen Osten, in Pakistan oder Afrika, bei denen fünfzig, hundert oder mehr Menschen umkommen, gehören zur Tagesordnung. Bei einem Attentat in Europa dagegen ist der Widerhall ungleich größer.

          Europas Erfahrung mit dem Terrorismus geht ein paar Jahrzehnte, die mit Krisen im Nahen Osten ein paar Jahrhunderte zurück. Und doch ist diese fremde Welt nie ganz verständlich geworden. Lange Zeit hieß es, dass es sich bei der Krise im Nahen Osten im Grunde nur um den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern handelte; würde man den Konflikt beilegen, dann wäre der Frieden in diesem Teil der Welt gesichert. Dann gab es vor einigen Jahren die Illusionen über den „Arabischen Frühling“, die Einbildung, dass sich die demokratischen Kräfte durchsetzen würden und damit eine fortschrittliche und friedliche Entwicklung gesichert wäre. In den letzten Jahren stand dann der Bürgerkrieg in Syrien im Mittelpunkt des Interesses. Dabei wurde außer Acht gelassen, dass es im Grunde in keinem dieser Länder gelungen war, stabile Verhältnisse herzustellen, dass die Diktatur die vorherrschende Regierungsform war und die Alternative nicht Demokratie hieß, sondern Chaos.

          In jüngster Zeit ist es nun zu Bürgerkriegen oder ähnlichen Zuständen nicht nur in Syrien gekommen, sondern auch im Irak, im Jemen und in Libyen; weitere Länder scheinen nicht weit davon entfernt. Diesmal ist die Alternative nicht Chaos, sondern die Machtübernahme extrem-islamistischer Gruppen, deren barbarische Praktiken keine Aussicht auf irgendeine Verständigung offenlassen.

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