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Sozialdemokratie : Sigmar, gewinnen Sie Bodenhaftung!

Gabriel im Abseits: Die Olaf-Schulz-Linie könnte der SPD beim Wiederaufstieg zur Volkspartei verhelfen. Bild: Andreas Müller

Es bringt nichts, nur die AfD für alles verantwortlich zu machen – das merkt man jetzt auch in der SPD. Das könnte ihre letzte Chance sein, eine Volkspartei zu bleiben.

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          Die Wiedergewinnung des Realismus“ heißt ein Buch der beiden Philosophen Hubert Dreyfus und Charles Taylor, das im nächsten Monat auch hierzulande erscheint. Im Juni wird auch die Schrift „Die Wiedergewinnung des Wirklichen“ von dem Motorradphilosophen Matthew B. Crawford zu lesen sein, einem Schriftsteller, der vor Jahren mit seinem großartigen Buch „Ich schraube, also bin ich“ der Zerstreuung des überreizten, desinformierten Ich die Erfahrung der leibseelischen Konzentration durch Tätigkeit entgegensetzte. Auch Navid Kermanis jüngste Veröffentlichung trägt den Titel „Einbruch der Wirklichkeit“. Man könnte weitere Saisontitel nennen, die ins selbe Horn stoßen. Nicht nur literarisch, sondern im Nutzerverhalten insgesamt scheint es, wenn nicht alles täuscht, eine realistische Wende zu geben.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Wirklichkeit mausert sich zum Sehnsuchtsort. Als sei man der Alarmismen, Übertreibungen, Disproportionalitäten leid, als habe man die hektischen Ausschläge, die Übergeschnapptheiten satt, mit denen Politik und Medien die Misere einer abwandernden Klientel mit der schrillen, zumeist moralistisch getränkten Flucht nach vorne zu beantworten pflegen.

          Wie das „Prinzip Erdung“ in der Politik um sich greift, kann man im Augenblick an der Debatte um den richtigen Umgang mit der AfD ablesen. Es reicht offenbar nicht mehr, die AfD als die unmögliche Partei zu bezeichnen, welche zu Unrecht die demokratische Legitimation für sich beanspruche, und ihre Anhänger als Verblendete darzustellen. „Wir müssen damit aufhören, uns dauernd über die AfD zu empören“, erklärt Winfried Kretschmann, grüner Ministerpräsident Baden-Württembergs.

          Analyse statt Aufgeregtheiten

          Er ist auch deshalb parteiübergreifend ein politischer Sympathieträger, weil er für das Bemühen steht, Schlussfolgerungen und Belege in ein angemessenes Verhältnis zu setzen. Ein Mann der Analyse, nicht der Aufgeregtheiten. Geschickt macht er dies als sein politisches Kapital geltend, indem er es der Bundeskanzlerin abspricht: „Es fehlt der Bundesregierung manchmal schon das Proaktive. Nur Karl Popper, nur Stückwerktechnologie reicht nicht. So groß mein Respekt vor der Bundeskanzlerin ist. Man muss in längeren Linien denken. Meinem Eindruck nach ist das nicht so sehr der Beritt der Bundeskanzlerin. Sie ist da mehr bei Popper.“

          Kretschmann argumentiert hier nicht von ungefähr philosophisch. Er zielt auf das Wirklichkeitsverständnis einer Politik, die Vorsprung durch Erkenntnis behauptet, wenn sie „auf Sicht“ fährt. Wer sich weigert, die Dinge vom Ende her zu sehen, vernebelt aber „in Wirklichkeit“ auch die Sicht aufs Nahegelegene.

          Es ist diese stimmungsunabhängige Haltung politischer Urteilsstärke, welche im Augenblick die größte Wirkung erzielt. Man sieht das bei Kretschmann, der sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, wenn ein AfD-Funktionär vom „links-rot-grün versifften Achtundsechziger-Deutschland“ redet, der das als erlaubte Polemik durchgehen lässt, statt im Stile des Justizministers Heiko Maas in solchen Aussagen den Untergang der Demokratie zu wittern, die Menschenwürde fahren zu sehen, um seinerseits mit Polemik zu kontern. Kretschmann nutzt den Anlass im Gegenteil, um – gleichermaßen geschickt wie wirklichkeitsnah – als Altachtundsechziger die gesellschaftliche Rolle der Achtundsechziger zu relativieren: „Die AfD arbeitet mit Klischees und Vereinfachungen. Wir werden die Modernisierung und Individualisierung der Gesellschaft nicht aufhalten, die Achtundsechziger haben dieser Entwicklung vielleicht einen Schub gegeben, sie waren aber nicht die Verursacher.“ So geht das: inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD. Informierter Faktencheck kommt der Wirklichkeit näher als Dämonisierung.

          Sozialstaat von anno dunnemals

          Die Partei, bei der die Wiedergewinnung des Realismus mittlerweile existenzentscheidend wirkt, ist die SPD. Vorsitzende zu wechseln wie den Hut kann die altehrwürdige Sozialdemokratie der ersehnten Bodenhaftung nicht näher bringen. Aber es ist das persönliche Pech Sigmar Gabriels, dass sein politisches Naturell, höflich formuliert, eher zu Poppers Stückwerktechnologie als zu einem Denken in längeren Linien neigt.

          Insoweit hat es immer auch etwas Drolliges, wenn Gabriel den Anti-Merkel gibt und Augenmaß in die Politik der Koalition zu bringen verspricht. Neulich veranstaltete die SPD einmal mehr in ihrer Geschichte eine Konferenz zum Thema „soziale Gerechtigkeit“, um, wie es hieß, die „Hoheit in Gerechtigkeitsfragen“ zurückzuerobern.

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