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Die „Weltwoche“ vor Gericht : Im Zweifel für die Zeitung

Vom Ankläger zum Angeklagten Roger Köppel in ungewohnter Rolle Bild: Michael Hauri

Der Zürcher „Weltwoche“ wird der Prozess in einem Theater gemacht. Die szenische Anklage lautet auf Rassismus und Fremdenhass. Am Ende steht ein Freispruch.

          3 Min.

          Auf Henryk M. Broder mussten die Zuschauer dann doch verzichten. Er hatte mit der Veröffentlichung seiner Einladung das Projekt der „Zürcher Prozesse“ gegen die „Weltwoche“ publik gemacht und sein Kommen an die Bedingung geknüpft, dass das Urteil umgehend vollstreckt werde. Diese Aussicht wiederum muss dem Hauptangeklagten Roger Köppel als Eigentümer und Chefredakteur dermaßen Angst eingejagt haben, dass er seine ursprüngliche Bereitschaft zur Teilnahme wieder zurückzog: „Der richtige Köppel kann nicht vor ein falsches Gericht treten.“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Vermutlich saß er etwas frustriert vor dem Fernseher und hatte, Irrtum vorbehalten, seine Frau ins Zürcher Theater am Neumarkt geschickt, auf dessen Bühne gegen seine Zeitung verhandelt wurde. Erstaunlich locker, ja fast heiter war die Atmosphäre. Und durchaus ernsthaft. Auf Sicherheitskontrollen konnte verzichtet werden, lediglich ein paar Auflagen der Feuerpolizei mussten beherzigt werden. Zwischen Bühne, Bar und Garderobe pendelte ein Beamter in Uniform, von dem man auch nicht so recht wusste, ob er ein richtiger oder ein falscher Polizist war.

          Die Weltwoche im Zentrum medialer Aufmerksamkeit

          Mit dem Rollenverständnis haperte es bei diesem Spektakel. Doch auf der Suche nach einem rhetorisch und moralisch gleichermaßen treffsicheren Einheizer aus Deutschland war man fündig geworden: Michel Friedman hielt zum Auftakt ein flammendes Plädoyer gegen die Zeitung. Es sah zunächst schlecht aus für sie.

          Bei der Übertragung im Netz allerdings produzierten die Techniker einen Fehlstart, der im Livechat und auf Twitter zu hämischen Kommentaren führte. Das Schweizer Fernsehen, das neben den Muslimen, Roma und Sozialbetrügern zu den Feindbildern der „Weltwoche“ gehört, war groß in den Prozess eingestiegen. Es berichtete ausführlich und übertrug den gesamten Verlauf im Internet.

          Noch dominiert das Fernsehen

          Mit Livestream und Liveticker im Verbund mit den sozialen Netzwerken wurde das Theater am Neumarkt in der Züricher Altstadt zum Zentrum der virtuellen Welt und ließ mit dieser Produktion erahnen, wie Öffentlichkeit inzwischen funktioniert. Noch dominiert das Fernsehen. Es drängte der Bühne seine Gesetze auf. Vergeblich versuchte der Platzanweiser die vor uns sitzende Dame, die wir vielleicht irrtümlicherweise für Frau Köppel hielten, zum Umzug in die erste Reihe zu bewegen.

          „Regie“ führte der moralische Aktivist Milo Rau. Seine letzten Tribunal- „Inszenierungen“ drehten sich um den Genozid in Ruanda, die Diktatur in Rumänien und um Pussy Riot in Moskau. Nach Breivik und Putin brachte Milo Rau in den „Zürcher Prozessen“ an drei Tagen Roger Köppel vor sein Theatergericht. Die Anklage ging von einzelnen Artikeln aus und lautete auf Verletzung der gesellschaftlichen Verantwortung. Auch von geistiger Brandstiftung war die Rede.

          Rassismus, Pressefreiheit, Prangerjournalismus

          Es gab eine Gerichtspräsidentin, „gespielt“ von der Verlegerin Anne Rüffer. Die Gerichtsschreiberin, Autorin und Regisseurin Güzin Kar verfasste das Liveprotokoll. Profis sind auch die Anwälte Marc Spescha (Anklage) und Valentin Landmann. Der Star der helvetischen Gerichte verteidigt im wahren Leben gescheiterte Existenzen und Bösewichte, die nicht aus der Asylszene kommen, sondern aus dem Rotlichtmilieu.

          Zur Verhandlung kamen das Verbot der Minarette und der Roma-Bub mit der Pistole auf dem Cover. Es ging um Rassismus, Pressefreiheit und Prangerjournalismus. Ein eher skurriler, zum Islam konvertierter Schweizer hielt das Titelblatt in die Kamera, auf dem er als „Bin Laden in Biel“ bezeichnet wird: Wer ist das? Dass er vor ähnlichen Methoden nicht zurückschreckt, bezeugte er, indem er Köppel als Goebbels bezeichnete.

          Auch Muslime haben Humor

          Auf die Gretchenfrage nach der Steinigung von Ehebrecherinnen bezeichnete er sich als „Muslim des Mainstreams“. Hamel Abdel-Samad, der mit Broder fürs Fernsehen durch Deutschland gezogen war, machte klar, dass eine Fatwa nicht etwa eine Todesdrohung sei und dass die Mohammed-Karikaturen in der islamischen Welt einen heilsamen Prozess in Gang gebracht hätten: „Auch Muslime haben Humor.“ Von der „Weltwoche“ sei er ohne tendenziöse Unterstellungen interviewt worden.

          Ihr Redakteur Alex Baur ließ es sich nicht nehmen, im Gegensatz zu den umstrittensten Autoren des Blatts seine Arbeit über die Zustände im Sozialwesen zu rechtfertigen. Zivilcourage kann man ihm ebenso wenig absprechen wie den manischen Eifer des besessenen Aufklärers. Albert Kuhn, versierter Musikjournalist, hatte die Zeitung wegen der Minarette verlassen. Seine Befragung zeugte von geradezu idyllischen Zuständen in der Redaktion und von den Nöten eines freien Mitarbeiters nach einer privaten Trennung mit finanziellen Verpflichtungen.

          Um Geld ging es sonst nur bei den Mutmaßungen über die wechselnden Eigentümer. Ein italienischer Journalist rechnete vor, dass die Zeitung noch immer dem Financier Tito Tettamanti gehören oder Köppel in unsaubere Geschäfte verwickelt sein müsse. „Abenteuerliche Besitzverhältnisse“ und verdeckte Verkäufe waren die Regel, berichtete der ehemalige Chefredakteur Jürg Ramspeck. Eine Zeit lang gehörte die „Weltwoche“ dem „Zeit“-Verleger Gerd Bucerius, der sie schnell wieder abstieß, als das Geheimnis publik wurde.

          Die Verhöre waren gut vorbereitet, die meisten Zeugen stellten sich den Fragen mit erfreulicher Aufrichtigkeit. Und hatten genügend Zeit. Auch die Auftritte der unerlässlichen Selbstdarsteller und Spinner waren von der Regie richtig dosiert worden. Das Vorhaben zeigte so, was die Gesellschaft bewegt und wie der Zeitgeist tickt. Die fünfzehn Stunden waren aufregend bis zum Schluss. Nur bei der Verkündung des Urteils hat es im Livestream wieder nicht geklappt. Es kam am Sonntag um 19Uhr 59 per E-Mail: Mit sechs zu einer Stimme hat die Jury, in der alte Linke und junge Rechte und eine Frau mit Kopftuch saßen, das Blatt freigesprochen. Und gleichzeitig ihr Unbehagen ausgedrückt.

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