https://www.faz.net/-gqz-z4y0

Die Welt nach 9/11 : Ein verlorenes Jahrzehnt

  • -Aktualisiert am

1988 stand Usama an der Seite der Afghanen gegen die Sowjets und wurde rasch berühmt. Sein tatsächlicher Beitrag zum Kampfgeschehen war aber minimal Bild: dpa

Usama Bin Ladin hat den Westen in seinen Bann gezogen. Zehn Jahre lang suchte uns seine Vision eines kosmischen Krieges heim und bescherte uns zwei Kriege, ungezählte Anschläge sowie ein Schattenreich der Folter.

          6 Min.

          Manchmal ist es komplizierter als „freuste dich?“ Der Tod Bin Ladins wirbelt eine Vielzahl widerstreitender Eindrücke auf, so wie Tagesreste den Traum durchwirken, wie sich der Erwachende noch absurde Bruchstücke aus der vergangenen Nacht aus den Augen reibt.

          In diesem Fall ist es einer der „schweren und demütigenden Träume“, von denen Marie N'Diaye in ihren „Drei starken Frauen“ schreibt, der einen am Morgen noch ganz im Griff hat. Man erwacht nicht erfrischt aus dieser Dekade der heimtückischen Gewalt, sondern hat zunächst Grund zur Trauer über all die umsonst gestorbenen Menschen, den Wahnsinn zweier Kriege und, als geborener Westdeutscher, auch über den tristen Zustand der Vereinigten Staaten am Ende ihres „Kriegs gegen den Terror“, dessen Sieger das unbeteiligte China ist.

          Es ist auch zu spät, um zu fragen, warum ein Einsatz wie in Abbottabad nicht zu Beginn des Jahrzehnts stattfinden konnte, warum die ganze Welt hineingezogen werden musste in das irrationale mörderische Reich Bin Ladins, mit seinen Visionen, Doppelgängern und Traumbildern.

          Es waren zehn Jahre wie unter Hypnose, als wären alle wie DeLillos „Falling Man“ staubbedeckt mit Aktentasche durch die Zeit geirrt, verängstigt und ohne die Mittel der Vernunft. „Werft die Vernunft vor die Hunde!“, hatten die Taliban bei ihrer Machtübernahme an die Wände geschrieben, es wurde der Slogan des ganzen ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts, ein Slogan, der sein Echo im Versprechen der Bush-Regierung fand, eine „neue Realität“ zu entwerfen, jenseits der alten „wirklichkeitsbasierten“, und als Imperium eine eigene Geschichte zu schreiben.

          Es war eine Zeit, in der geheime und paranormale Kommunikation heilig war: Der Anteil der Geheimen in staatlichen Diensten wuchs, Offenbarungen wurden im „Chatter“, dem Hintergrundrauschen in Funk- und Datennetzen, gesucht - oder gleich in Träumen: Kurz vor den Anschlägen, die seinen Namen auf ewig ins Buch der Unholde einschrieben, lief einer von Bin Ladins Kämpfern morgens durch das Lager und erzählte seinen Traum, eine übliche und willkommene Beschäftigung, wo sonst ja alles verboten war. Er sagte, er habe von Hochhäusern geträumt und davon, „dass Mukthar uns allen Karate beigebracht habe“. Da bekam der Scheich es mit der Angst zu tun, denn wenn sich seine Pläne zum großen Attentat im Reich der Träume verbreiten, weiß es ja bald die ganze Welt. Dem Mann wurde also verboten, nicht etwa zu träumen - obwohl den Taliban auch das noch zuzutrauen gewesen wäre -, aber doch, davon zu erzählen. Al Qaida dürfte die erste moderne Terrortruppe sein, die Träume als geheime Kommandosache behandeln musste.

          Mit Migräne auf dem Feldbett

          Auch Bin Ladin schilderte in einem im Dezember 2001 aufgetauchten Video einen Traum: Zwei Mannschaften begegnen sich auf einem Fußballplatz, doch die eine trägt Pilotenuniform, so dass er sich im Traum gefragt habe: „Ist dies ein Fußball- oder ein Pilotenspiel?“ Und die Piloten gewannen. Er deutete dies als gutes Omen für seinen großen surrealen Massenmord, für den er mit seinem Geld junge, intelligente Araber zu Piloten ausbilden ließ - um sie ein einziges Mal fliegen zu lassen. Außer Träumen und jenseitigen Versprechen hatte er seinen Männern nicht viel zu bieten; sein Arsenal bestand vorwiegend aus alten Baumaschinen aus der väterlichen Firma. Sein Geld hat er beim Desaster seiner sudanesischen Landwirtschaftsprojekte verloren, die Reichtümer, die ihm die Saudis anboten, damit er auf das Morden verzichte, verschmähte er. Einmal hatte er seinen Getreuen nach langem Marsch durch die Berge nur drei Zitronen anzubieten und verteilte die Tagesration mit der Mahnung, sich glücklich zu schätzen, Millionen Menschen würden sie um solch reiche Kost beneiden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.