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Die Welt in Zahlen : Verführerische Indikatoren

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Herrin der Zahlenkritiker: Sally Engle Merry Bild: Archiv

Wie aussagekräftig sind Kennziffern und Messzahlen für Armut oder für die Güte von Hochschulen? Eine Bielefelder Tagung beschäftigt sich mit der Quantifizierung der Welt.

          Globalisierung macht die Welt unübersichtlich. Wo soll ich studieren, wo lohnt sich eine Autofabrik, wo muss in die Frauenbildung investiert werden? Mit lokalem Wissen kommen wir nicht mehr weit. Das globale Wissen lassen wir uns am liebsten in Form vermessener Indikatoren in Rankings servieren. Indikatoren reduzieren die Qualität einer Hochschule und die Korruption einer Verwaltung oder das Gesundheitswesen eines Staates auf eine Zahl. In der globalisierten Welt werden immer mehr Bereiche des gesellschaftlichen Lebens in solch verführerisch einfache Zahlen gefasst. Woher sie kommen, fragen wir selten. „Intellektuelle Bequemlichkeit“ nannte Joanna Pfaff-Czarnecka (Bielefeld) dies auf einem von ihr geleiteten Kolloquium zum Werk der Anthropologin und Menschrechtsforscherin Sally Engle Merry (New York), das in der vergangenen Woche am Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung stattfand.

          Sally Engle Merry verfolgt die Effekte dieser Quantifizierung auf das Handeln von Regierungen weltweit. In Bielefeld konstatierte sie das Aufkommen einer regelrechten Indikatoren-Kultur. Denn seit auf globaler Ebene evidenzbasiert verwaltet wird, müssen alle Beteiligten mitspielen. Wer keine Zahlen liefert, steht auf internationaler Bühne am Pranger. Dass es so gut wie aussichtslos ist, Indikatoren zu finden, die für alle Länder taugen, gerät dabei leicht aus dem Blick. Wenn die Regierung eines Landes, das mit Unterernährung zu kämpfen hat, berichten muss, was sie zur Reduktion der Fettleibigkeit bei Kindern unternommen hat, und in einem Wüstenstaat, in dem kein Mensch auf die Idee käme, sich auf ein Fahrrad zu setzen, der Besitz eines Fahrrads als Maß für erfolgreiche Entwicklung zählt, sei das wenig hilfreich, um die Probleme dieser Staaten in den Blick zu bekommen.

          Den Zahlen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert

          Indikatoren, so Merry, rücken das Zählbare in den Vordergrund und lassen das nicht Gezählte oder nicht Zählbare verschwinden. Dadurch tendieren sie dazu, Ungleichheiten im weltgesellschaftlichen Maßstab zu verfestigen. Zudem kämen die Zahlen zwar wissenschaftlich daher, seien aber fragwürdig und unsicher. Wenn man mit den Forschern darüber spreche, wie sie zu ihren Zahlen kommen, seien sie sich über Unsicherheiten und Vereinfachungen völlig im Klaren, erläuterte Frau Merry. Doch wenn die Daten präsentiert werden, wenn sie ihre Runden durch die Abteilungen der internationalen Organisationen und vor allem der Weltbank gezogen haben, seien diese Unsicherheiten verschwunden. Oft mache erst der Blick ihre Entstehungsgeschichte deutlich, warum bestimmte Dinge abgefragt werden, wer die Zahlen mit welcher Absicht und welchem Hintergrundwissen herstellt.

          Die Quantifizierung der Welt kommuniziert nicht nur Zahlen von zweifelhaftem Wert, sie drängt die Quantifizierten, sich ihren Kategorien anzupassen. Die Ergebnisse sind nicht selten schizophren: Seit Beginn der achtziger Jahre entscheiden Zahlen in Hochschul-Rankings darüber, welche Hochschule wie viel Geld bekommt, wer mit wem zusammenarbeitet und wohin es die besten Studierenden zieht. Wendy Espeland (Northwestern University) zitierte die typische Reaktion der Dekanate: „Wir wissen, dass die Rankings die falschen Kriterien haben, aber wir müssen dringend etwas tun, um unsere Position zu verbessern.“

          Auch Statistiken sind nicht frei von Interpretation

          Mit der Quantifizierung breitet sich eine ökonomische Denkweise auf ganze Kulturen aus, so Chris Shore (Auckland). Zugleich aber macht sie die globale Sozialpolitik überhaupt erst möglich, wie John Berten und Lutz Leisering (Bielefeld) darlegten. Sie zeichneten nach, wie die globale Armut in den vierziger Jahren erst als Armut von Staaten und seit den Neunzigern dann als Armut von Individuen konstruiert wurde, quantifiziert als das Verfügen über weniger als einen Dollar am Tag. Diese Vereinfachung habe man akzeptiert, um überhaupt mit dem Problem der globalen Armut umgehen zu können. Gleichzeitig habe sie aber dazu geführt, Armut oberhalb der Ein-Dollar-Grenze aus den Augen zu verlieren. Was als soziales Problem wahrgenommen wird, hängt davon ab, ob Zahlen dazu vorhanden sind, so die Forscher.

          Wie es gelingen kann, globale Übersicht zu behalten, ohne lokale Eigenheiten aus dem Blick zu verlieren, ist unklar. Der „Human Poverty Index“ der Vereinten Nationen, der drei Indikatoren kennt, wurde inzwischen durch den „Multidimensional Poverty Index“ ersetzt, der zehn Indikatoren und drei Dimensionen unterscheidet, berichteten Katja Freistein und Martin Koch (Bielefeld). Dass etwas geschehen muss, hat inzwischen sogar die Weltbank begriffen, die seit 2010 auf „Aspire“ setzt, den „Atlas of Social Protection - Indicators of Resilience and Equity“, um Daten aus unterschiedlichen Kontexten zusammenzubringen. Auch diese präsentiert freilich messbare Indikatoren. Sie sind einfach zu verführerisch.

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