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Die Türkei und die EU : Schmerzen einer unerwiderten Liebe

  • -Aktualisiert am

„Wenn die EU uns bis 2023 hinhält, verliert sie uns“: der türkische Ministerpräsident Erdogan zeigt sich selbstbewusst Bild: AFP

Die Türkei ist auf Emanzipationskurs: Kaum gehört Erdogans islamisch-konservative Partei zum Establishment, schon kann sie auf die Europäer getrost verzichten.

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          Unerwiderte Liebe schmerzt – wie die der Türkei zu Europa. Nach Jahren der Zurückweisung versucht die Türkei, ihre Beziehung zur Europäischen Union neu zu ordnen. Sie durchläuft eine Phase der Emanzipation. Das zeigt die aktuelle Umfrage der Deutsch-Türkischen Stiftung für Bildung und wissenschaftliche Forschung (Tavak). Heute glauben 74 Prozent der Türken nicht mehr an eine EU-Mitgliedschaft. Im Jahr 2005 war es umgekehrt: 76Prozent waren für die Mitgliedschaft.

          Der Auftraggeber der Umfrage, Faruk Şen, begründet die sinkende Zustimmung mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in der Türkei. Auch wenn der jetzt etwas schwächle, habe Europa durch die Eurokrise an Attraktivität verloren. 66,2 Prozent meinen daher, man brauche die Europäische Union nicht mehr. „Die Türkei wendet sich neuen Märkten zu“, sagt Şen. Schließlich werde sie seit mehr als fünfzig Jahren hingehalten. Das klingt nach gekränktem Nationalstolz.

          Ein Freudentag im Dezember 2004

          Besonders enttäuscht sind die politischen und kulturellen Eliten aber von Deutschland, das sie, so klagen sie, mit der „privilegierten Partnerschaft“ abspeisen wolle. Immerhin 64,2 Prozent der Türken sehen Deutschland als „das größte Hindernis“ für den türkischen EU-Beitritt. Die mangelnde deutsche Unterstützung – eine unendliche Geschichte. Schon Bülent Ecevit, Ministerpräsident bis 2002, beklagte sich darüber, erkannte aber auch, dass die vielbeschworene deutsch-türkische Freundschaft Grenzen habe. „Die Europäer haben eine unbewusste, kulturell begründete Abneigung gegen die Aufnahme der Türkei. Es fällt Europa schwer, über den Tellerrand zu blicken“, so der damalige sozialdemokratische Regierungschef in einem früheren Interview. Ecevit hatte jahrelang erfolglos versucht, Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union durchzusetzen.

          Die Türken hatten so viel Leidenschaft in die Beziehung zu Europa gesteckt. Ein Teil des Westens zu sein, war immer ihr Traum gewesen. Sie klammerten sich daran, je mehr sie zurückgewiesen wurden. Der türkische Journalist Ertugrul Özkök beschrieb unlängst jenen Tag im Dezember 2004, als die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei beschlossen wurden, als einen Tag, den er niemals vergessen werde. Im Freudentaumel seien sich seine Frau und er in die Arme gefallen. Nach all den Rückschlägen, diesem „nationalen Trauma“, „gelangte der 150 Jahre lange Lauf Richtung Westen auf einen Weg voller Zuversicht“, erinnerte sich Özkök voller Pathos. Das sagt viel aus über die damalige Gefühlslage der Türken. Das Ungewohnte dabei: Was andere Regierungen jahrzehntelang nicht erreicht hatten, gelang ausgerechnet der islamisch-konservativen AKP. Als Ministerpräsident Erdogan aus Brüssel in Ankara eintraf, wurde er so euphorisch begrüßt, als habe er den ersten Türken ins Weltall geschickt. Die Leute feierten ihn wie einen Helden, und selbst Özkök war damals ganz dicht an Erdogan. Heute erinnert er sich nur noch mit Wehmut daran.

          Der türkische Ministerpräsident ist da nüchterner. Für ihn ist die EU kein Maßstab mehr, eher eine Option unter vielen. Warum aber war der islamisch-konservative Erdogan früher so fixiert auf die EU? Die Politikwissenschaftlerin Senem Aydin Düzgit von der Istanbuler Bilgi-Universität bescheinigt ihm realpolitisches Kalkül: „Am Anfang wollte er mit Hilfe der EU die Grundrechte in der Türkei, also auch die für ihn wichtige Religionsfreiheit stärken und zugleich seine Macht legitimieren“, sagt sie. Nach drei Amtsperioden habe sich die AKP in der Gesellschaft etabliert, und die EU sei für Erdogan nicht mehr so wichtig. Doch auch bei ihren Studenten ließe, berichtet sie, die Europa-Begeisterung nach. Viele seien der Meinung, die Türkei werde diskriminiert, von ihr werde viel mehr verlangt als von anderen Beitrittskandidaten.

          Erdogan macht, ganz Realpolitiker, Druck: „Wenn die EU uns bis 2023 hinhält, verliert sie uns“, warnt er selbstbewusst. Aber Brüssel lässt trotz Kritik an Erdogans autokratischem Kurs die Tür für Ankara offen. Die Türkei als Machtfaktor im Nahen und Mittleren Osten ist zu wichtig. Und Erdogan? „Auch er will die Tür nicht zuschlagen, das würde dem Land in der Außenwirkung zu sehr schaden, das weiß Erdogan sehr wohl“, sagt „Hürriyet“-Journalist Ahmet Küllahçi. Die Demokratisierung müsse weitergehen.

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