https://www.faz.net/-gqz-96emm

Wie die „Tagesschau“ berichtet : Relevanz im Ersten

Ein Ehepaar trauert vor den abgelegten Kerzen und Blumen vor der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen. Bild: dpa

Über den Mord an einem Schüler in Lünen hätte die „Tagesschau“ beinahe nicht berichtet. Das sei eine Frage der „Relevanz“, schreibt der Redaktionschef. Doch was hält man bei der ARD denn für wichtig?

          1 Min.

          Neunzehn Sekunden. Länger war die Wortmeldung nicht, welche die „Tagesschau“ am Dienstagabend in dieser Woche zu dem Mord brachte, den ein Fünfzehnjähriger an einem vierzehn Jahre alten Schüler in der Gesamtschule der nordrhein-westfälischen Stadt Lünen beging. Die Diskussion in der Redaktion über den Beitrag dürfte, wie einem Blogbeitrag des Redaktionsleiters Kai Gniffke zu entnehmen ist, länger gedauert haben.

          Es seien „intensive Diskussionen“ gewesen, schreibt Gniffke, die ihn davon überzeugt hätten, eine Meldung zu diesem Verbrechen zu bringen, „ohne dass wir unsere Relevanzkriterien verbiegen müssen. Denn wir berichten ja auch, wenn es Tötungsdelikte in einem Gerichtssaal oder einem Jobcenter gibt, und hier ging es um den geschützten Raum einer Schule, in dem erstmals eine solche Tat geschah.“

          Es ehrt den Chef von ARD-aktuell, dass er den Zuschauern in dieser Weise Einblick in den Meinungsbildungsprozess der Redaktion gewährt. Doch er bezeugt zugleich, wie schwer sich die Nachrichtenmacher mit dem Kriterium der „Relevanz“ tun. Er stellt eine „außergewöhnliche Anteilnahme und ein außergewöhnliches Medienecho“ fest und findet es unbefriedigend, „dass wir auch deshalb berichten, weil es viele andere auch tun“. Ob es der „Tagesschau“ irgendwann gegeben ist, neben dem gewöhnlichen Politikbetrieb, der jeden Tag abgebildet wird, auch das Außergewöhnliche zu erkennen, ohne nach links und rechts zu schauen, was die Kollegen tun?

          Man kann sich bei solchen Gelegenheiten selbstverständlich auch von Leuten bei der „taz“ einreden lassen, dass ein Verbrechen, wie es vor einigen Tagen im rheinland-pfälzischen Kandel geschah, und dessen Umstände, keine nachrichtliche Relevanz besäßen, die einen Beitrag in der wichtigsten Nachrichtensendung der ARD rechtfertigte. Doch hätte das dann mit vorurteilsfreier Gewichtung von Nachrichten nichts mehr zu tun, sehr viel aber mit den eigenen ideologischen Scheuklappen, die man auch den Zuschauern anlegen will. Die Kollegen der „heute“-Redaktion zeigten am Dienstag im ZDF ganz selbstverständlich, wie es anders und besser geht. Sie berichteten, ausführlich, an vorderer Stelle und ohne jeden Sensationalismus über das Verbrechen an der Schule in Lünen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Europa kaltmachen

          Putins Verfassungsreform : Europa kaltmachen

          Einbruchdiebstahl an den Bürgerrechten: Russische Oppositionelle sind alarmiert über die Verfassungsreform ihres Präsidenten Putin. Doch die Zivilgesellschaft kann sich nicht konsolidieren.

          Berlinale vor Jubiläums-Festival Video-Seite öffnen

          Neues Führungsduo : Berlinale vor Jubiläums-Festival

          Knapp einen Monat vor Eröffnung der 70. Internationalen Filmfestspiele besuchten Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian die Produktion der Berlinale-Bären. Unterdessen sorgt der Jury-Präsident Jeremy Irons für Schlagzeilen.

          Topmeldungen

          Arbeitgeber in Panik : Keiner kennt die Kosten der Grundrente

          1,5 Milliarden Euro könnten für die Grundrente womöglich nicht ausreichen, fürchten die Arbeitgeber. In der Union rumoren die Parlamentarier. Doch die Unions-Minister unternehmen keine hörbaren Anstrengungen mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.