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Wie die „Tagesschau“ berichtet : Relevanz im Ersten

Ein Ehepaar trauert vor den abgelegten Kerzen und Blumen vor der Käthe-Kollwitz-Gesamtschule in Lünen. Bild: dpa

Über den Mord an einem Schüler in Lünen hätte die „Tagesschau“ beinahe nicht berichtet. Das sei eine Frage der „Relevanz“, schreibt der Redaktionschef. Doch was hält man bei der ARD denn für wichtig?

          Neunzehn Sekunden. Länger war die Wortmeldung nicht, welche die „Tagesschau“ am Dienstagabend in dieser Woche zu dem Mord brachte, den ein Fünfzehnjähriger an einem vierzehn Jahre alten Schüler in der Gesamtschule der nordrhein-westfälischen Stadt Lünen beging. Die Diskussion in der Redaktion über den Beitrag dürfte, wie einem Blogbeitrag des Redaktionsleiters Kai Gniffke zu entnehmen ist, länger gedauert haben.

          Es seien „intensive Diskussionen“ gewesen, schreibt Gniffke, die ihn davon überzeugt hätten, eine Meldung zu diesem Verbrechen zu bringen, „ohne dass wir unsere Relevanzkriterien verbiegen müssen. Denn wir berichten ja auch, wenn es Tötungsdelikte in einem Gerichtssaal oder einem Jobcenter gibt, und hier ging es um den geschützten Raum einer Schule, in dem erstmals eine solche Tat geschah.“

          Es ehrt den Chef von ARD-aktuell, dass er den Zuschauern in dieser Weise Einblick in den Meinungsbildungsprozess der Redaktion gewährt. Doch er bezeugt zugleich, wie schwer sich die Nachrichtenmacher mit dem Kriterium der „Relevanz“ tun. Er stellt eine „außergewöhnliche Anteilnahme und ein außergewöhnliches Medienecho“ fest und findet es unbefriedigend, „dass wir auch deshalb berichten, weil es viele andere auch tun“. Ob es der „Tagesschau“ irgendwann gegeben ist, neben dem gewöhnlichen Politikbetrieb, der jeden Tag abgebildet wird, auch das Außergewöhnliche zu erkennen, ohne nach links und rechts zu schauen, was die Kollegen tun?

          Man kann sich bei solchen Gelegenheiten selbstverständlich auch von Leuten bei der „taz“ einreden lassen, dass ein Verbrechen, wie es vor einigen Tagen im rheinland-pfälzischen Kandel geschah, und dessen Umstände, keine nachrichtliche Relevanz besäßen, die einen Beitrag in der wichtigsten Nachrichtensendung der ARD rechtfertigte. Doch hätte das dann mit vorurteilsfreier Gewichtung von Nachrichten nichts mehr zu tun, sehr viel aber mit den eigenen ideologischen Scheuklappen, die man auch den Zuschauern anlegen will. Die Kollegen der „heute“-Redaktion zeigten am Dienstag im ZDF ganz selbstverständlich, wie es anders und besser geht. Sie berichteten, ausführlich, an vorderer Stelle und ohne jeden Sensationalismus über das Verbrechen an der Schule in Lünen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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