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Die Tagebücher der Brüder Goncourt : Irre Irre Irre

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Sie schwebten über den Köpfen ihrer Zeit und schrieben alles mit: Edmond und Jules Goncourt Bild: Aus dem besprochenen Band

Sie waren die Drohnen der französischen Literatur in ihrer größten Epoche: Das „Journal“ der Brüder Goncourt, ein Gesellschaftsroman des 19. Jahrhunderts auf 7000 Seiten, erscheint erstmals auf Deutsch.

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          Was ist das zum Beispiel für ein komischer Vogel, der da aus Irland oder von sonst woher in ihren Salon gekommen ist? Ein „Mensch von zweifelhaftem Geschlecht“, „Schmierenkomödiant“, der „erlogene Geschichten aus Texas“ erzählt. Von Schildern in einem Saloon, auf denen steht „Schießen Sie nicht auf den Pianisten. Er gibt sein Bestes.“ Und nach dem Klavierspiel gibt es Theateraufführungen, in denen die Rollen von Giftmörderinnen mit frisch aus der Haft entlassenen echten Giftmörderinnen besetzt werden. „Zehn Jahre Lagerhaft“ steht werbewirksam auf den Plakaten. Und nach der Theateraufführung werden auf der Bühne Verbrecher gehenkt. Das Publikum darf am Ende auf die Leichen schießen.

          Zwei siamesische Zwillinge in ihrem Salon

          Der sich das alles ausgedacht hat, heißt Oscar Wilde, und es ist der 5. Mai 1883, als er zum ersten Mal auf Edmond Goncourt trifft, und wahrscheinlich hat er es sich gar nicht ausgedacht, sondern alles genau so erlebt, und Goncourt ist einfach neidisch auf die irren Erlebnisse des irischen Dichters. Und etwas irritiert von dem, was er „zweifelhaftes Geschlecht“ nennt und damit natürlich „homosexuell“ meint. Es ist auch nicht so wichtig, ob es erfunden ist oder nicht. Es ist eine ganz gute Geschichte, und also schreibt Edmond Goncourt es auf.

          Wie er alles aufgeschrieben hat. In den ersten Jahren, seit 1851, zusammen mit seinem Bruder Jules bis zu dessen Tod 1870. Die beiden waren miteinander in beinahe siamesischer Zwillingsweise verbunden. Sie schrieben gemeinsam Romane, pinkelten auf dieselben Kohlköpfe, liebten dieselben Frauen, hatten dieselben Freunde und vor allem dieselben Feinde, saßen sich Tag für Tag am selben Schreibtisch gegenüber. Und lästerten und lachten und füllten Seite um Seite in ihrem „Journal“.

          Ein vertrautes Gesicht im Salon der Goncourts: Die Schriftstellerin George Sand
          Ein vertrautes Gesicht im Salon der Goncourts: Die Schriftstellerin George Sand : Bild: Aus dem besprochenen Band

          Das ist jetzt, 117 Jahre nachdem Edmond die letzte Seite geschrieben hat, erstmals auf Deutsch erschienen. Elf Bände, 7000 Seiten, auf denen 5000 Personen lieben, hassen, schreiben, übel nachreden, betrügen und vor allem über Literatur reden und selber welche schreiben. Allein das Personenregister ist fast 300 Seiten dick. Drei Übersetzerinnen (Cornelia Hasting, Petra-Susanne Räbel und Caroline Vollmann) haben acht Jahre lang daran gearbeitet.

          Der Verleger Gerd Haffmans hat sich damit einen Lebenstraum erfüllt. (Oder: den zweiten, nach den Tagebüchern von Samuel Pepys. Aber er sagt, dieser war größer.) Es ist ein Überwältigungswerk. Es ist die große andere „Menschliche Komödie“ des Frankreichs des 19. Jahrhunderts. Ein ungeformter, rasend schnell geschriebener Balzac-Planeten-Roman, mit den beiden „Journal“-Autoren als irren Helden: Selbstherrlich, klatschsüchtig, bösartig, entlarvend, stilsicher, sexgeschichtenbegeistert, literatur-, theater- und kunstabhängig.

          Schon früh wollten sie Schriftsteller werden

          Ja, es gab schon mal einige kleine Auswahlbände des Journals auf Deutsch. Aber der ganze Wahnsinn dieses französischen Kulturuniversums, der enthüllt sich erst hier so ganz. (Wobei ich hier gar nicht erst den Eindruck erwecken möchte, ich hätte etwa die ganzen 7000 Seiten komplett gelesen. Aber wie bei einem guten Roman, sind es auch hier gerade die unauffälligen Seiten, die mit den Nebenfiguren oder der bloßen Naturbetrachtung, die die wahre Meisterschaft der Autoren enthüllen. Und nicht die „Stellen“, auf die sich eine Auswahl notgedrungen konzentrieren muss.)

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