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Die Stuttgarter Unversität kneift : Parteilich

  • -Aktualisiert am

Am Samstag sollten in der Universität Stuttgart ein Vortrag und eine Diskussion über den Völkermord an Armeniern, Assyrern und Griechen zwischen 1912 und 1922 stattfinden - und über die Leugnungspolitik der Türkei. Nun aber kneift die Uni.

          Neutral ist, wer in einem Konflikt keine Partei ergreift. Wie wunderbar man sich hinter diesem Begriff verstecken kann, beweist nun die Universität Stuttgart. In einem ihrer Hörsäle sollte am Samstag ein Vortrag mit anschließender Podiumsdiskussion statt finden. Das Thema: Der Völkermord an den Armeniern, Assyrern, und Griechen in den Jahren 1912 bis 1922 sowie die Leugnungspolitik der Türkei.

          Doch aus dem Abend wird nichts, die Universitätsleitung will die Veranstaltung nun doch nicht unter ihrem Dach haben, der im April vorgemerkte Antrag auf Raumvergabe wurde kurzfristig abgelehnt. Die Begründung: Türkischer „Protest aus Berlin“ sowie der Wunsch, als Universität „neutral zu bleiben“. Dass gewisse türkische Kreise hierzulande Druck auf Institutionen ausüben, um einen offenen Umgang mit dem Völkermord zu verhindern – und damit dessen Anerkennung und Aufarbeitung –, ist nichts Neues (im Gegenzug schicken die Lobby „Türkische Gemeinde“ und die türkische Botschaft Genozid-Leugner auf Vortragstournee durch deutsche Städte).

          Dass jedoch ausgerechnet eine Institution wie die Universität Stuttgart sich davon beeindrucken lässt und sich zudem mit dem Argument der Neutralität aus der Affäre zieht, verblüfft: Für eine Universität muss Neutralität bedeuten, dass sie sich aller Eingriffe in die freie wissenschaftliche Diskussion enthält. Im Deckmantel der Neutralität hat die Universität Stuttgart die Partei der Türkei ergriffen. Bei den Organisatoren der abgesagten Veranstaltung handelt es sich nicht um Rowdies, die verfassungsfeindliche Parolen verbreiten: Der „Verband der Vereine der Griechen aus Pontos in Europa“, die „Assyrische Demokratische Organisation“ und die „Arbeitsgruppe Anerkennung – Gegen Genozid, für Völkerverständigung“ sind hier allesamt als gemeinnützig anerkannt.

          Diskutiert werden sollte ein historisches Ereignis, das die internationale Forschung und zahlreiche Regierungen längst als Verbrechen anerkannt haben. Das wissenschaftliche Hauptwerk der vorgesehenen Hauptrednerin Tessa Hofmann über die „Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Christen im Osmanischen Reich“, das auch Thema des Abends sein sollte, findet sich übrigens im Katalog der Stuttgarter Universitätsbibliothek. Sollte das Rektorat es ernst meinen mit seiner Vorstellung von Neutralität, dann wird das Buch womöglich aus der Bibliothek verschwinden. Statt in den heiligen Hallen der Universität findet der Abend nun im Kursaal von Bad Cannstatt statt.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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