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Die Stimme vom Klassik Radio : Das Leben, ein Fest

Der Star ist die Stimme: Nach Wemhoffs hellem Bariton, mit dem er Musikstücke ankündigt, sind werktags 1,651 Millionen Hörer süchtig Bild: Anna Mutter

Holger Wemhoff ist Chefmoderator bei Klassik Radio, dem erfolgreichsten Privatsender Deutschlands. Die Zauberformel lautet „Entspannung“ - ein Wort, das Wemhoff, wenn er aufhört, nie wieder hören will.

          Mit das Erste, was ich lernte, als ich begann, für Zeitungen zu schreiben, war: Nie den Taxifahrer zitieren! Aber jedes Gebot kennt Ausnahmen, und es gibt Geschichten, die ohne Taxifahrer gar nicht anfangen könnten und auch kein Ende fänden. Einmal fuhr ich in einem Taxi zum Hamburger Sendestudio von Klassik Radio, um Holger Wemhoff zu besuchen. Seit neunzehn Jahren ist Wemhoff für diesen erfolgreichsten aller kommerziellen Privatsender tätig. Begonnen hatte er als Praktikant, da war er sechsundzwanzig, ein abgebrochener Opernregieassistent, Hobbyorgelspieler, Theaterwissenschaftler. Heute ist er stellvertretender Programmdirektor bei Klassik Radio und als „Chefmoderator“ täglich „auf Antenne“, wie er es nennt.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Wemhoffs Fangemeinde ist uferlos. Sie reicht von den Senioren im Wohnstift über die grüne Witwe im Einfamilienhaus und den taxifahrenden türkischen Familienvater bis zum achtzehnjährigen Opernschwulen. Unzählige Liebeserklärungen, etliche Heiratsanträge, auch ein paar Fälle von stalking gab es schon. Eine fremde Nähe, die sogar ihm selbst, der doch täglich live den unbekannten Hörer so überschwänglich herzlich on air begrüßt, als kenne er jeden einzelnen seit der Sandkastenzeit, manchmal unheimlich wird. Wemhoff textet die Leute zweiundzwanzig Stunden in der Woche zu. Er panzert sich mit seiner Luxus-Stimme und mit seiner unverwechselbar weltzugewandten Lebensfreude. Das Leben? Ein Fest! „Quatschen“, sagt Wemhoff, „ist essentiell Teil meines Berufs, das mache ich immer gern. Aber privat will ich meine Ruhe haben.“

          Konkurrenz für den Staatsfunk

          Wemhoff ist also Jekyll und Hyde zugleich, on air. Seine Kolleginnen nennen ihn außerdem mit der allerkollegialsten Ironie „unseren Weihnachtsminister“, denn er liebt Duftkerzen, Pfeffernüsse, Punsch, Bratäpfel, Lichterketten, Kunst- und echten Schnee über alles, auch Wollmützen und Handschuhe. Wemhoff hat schon mit dem Weihnachtsmann auf dem Weihnachtsmarkt mehrstrophig „O Tannenbaum“ gesungen, seine Sammlung mit Weihnachtsmusiken aus aller Herren Ländern umfasst mehr als fünfhundert Titel - ein Schatz, den er gern rund ums Jahr teilen würde, wenn es der Programm-Computer von Klassik Radio nur erlauben würde.

          Immerhin: Eine Auswahl von Wemhoffs Weihnachts-Spezialitäten gibt es im Klassik Radio Shop auf CD. Außerdem gibt es „Winterabende mit Holger Wemhoff“, „Entspannt mit Holger Wemhoff“, die Wemhoff-Autobiographie, auch als Hörbuch, und wer Tuchfühlung wünscht, der kann mit Wemhoff und „Wemhoff’s Klassik Reisen“ mehrmals im Jahr auf Tour gehen.

          Erfunden wurde Klassik Radio im Jahr 1990, zum Schrecken der konkurrierenden Rundfunkprogramme. Von Anfang an wurde das neue Format von den Öffentlich-Rechtlichen bekämpft. Man sah darin Pest und Cholera der klassischen Musikkultur, verspottete Wemhoff und Kollegen als korrupte Contentweichspülmaschinen und empörte sich darüber, wie sie großartige Kunstschöpfungen in Appetithappen zerlegten. Dann, ab Ende der Neunziger, wurde Klassik Radio zum geheimen Vorbild. Fast alle ARD-Klassikprogramme holten sich für ihre Relaunches Anregungen beim Erbfeind ab. Seither gehen die Quoten für die Klassikradioprogramme der ARD immer tiefer in den Keller.

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